Reaction-Time: Zwei TikTok-Thesen, die es in sich haben
Paul: Heute machen wir mal was Neues – wir reagieren auf zwei TikTok-Videos, die gerade so durch die sozialen Medien geistern. Und Henry ist natürlich wieder mit dabei. Das Schöne ist, man kann die Videos auch als Podcast super verstehen, weil die Argumente einfach klar formuliert sind. Und das erste Thema ist richtig provokant: Homeoffice ist die größte soziale Ungerechtigkeit, die es gibt.
Henry: Ja, da geht’s direkt zur Sache! Der Typ im Video sagt, 70 Prozent aller Beschäftigten können gar kein Homeoffice machen – weil sie LKW fahren, im Krankenhaus arbeiten, an der Hotelrezeption stehen oder auf der Baustelle Mauern hochziehen. Und dann gibt’s da diese „elitäre Gruppe“, die um 9 kommt, um 17 Uhr geht und sich beschwert, wenn die Temperatur ein halbes Grad zu hoch ist. Und genau die sollen dann Homeoffice als Privileg haben? Das ist schon ein starkes Statement.
Ist Homeoffice wirklich eine Ungerechtigkeit?
Paul: Na ja, erstmal hat er ja nicht ganz unrecht, wenn man rein vom Gefühl ausgeht. Ich war früher selbst Dachdecker – und wenn du da oben auf dem Dach stehst, es stürmt und regnet, dann denkst du dir schon manchmal: Mensch, die da drinnen im warmen Büro, die haben’s gut. Aber weißt du was? Deswegen bin ich nicht vom Dach runtergeklettert. Das war nicht der Grund für den Jobwechsel. Und ich glaube, die meisten Handwerker sehen das genauso – die schmunzeln mal drüber bei richtigem Mistwetter, aber im Kern lieben die ihren Job.
Henry: Genau, und man kann das ja auch andersrum stricken! Im Sommer sitzt du im Büro in diesem Glaskasten, es sind gefühlt 35 Grad – und draußen auf der Baustelle wird man wenigstens braun dabei. Also diese Gerechtigkeitsdiskussion, die kann man wirklich von beiden Seiten aufziehen. Und mal ehrlich: Wenn du sagst, du bist Dachdecker und liebst das – dann hast du dich ja bewusst für diesen Beruf entschieden, mit allem was dazugehört.
Paul: Und ich finde, die eigentliche Frage ist eine andere. Vielleicht geht’s gar nicht so sehr um Homeoffice, sondern um Wertschätzung. Gerade in der Pflege oder in Berufen mit Schichtdienst – da fühlen sich Leute nicht benachteiligt, weil jemand anders im Homeoffice sitzt, sondern weil sie selbst schlecht bezahlt werden, kaum Urlaubstage haben und im Personalmangel ständig einspringen müssen. Und dann kommt obendrauf noch diese ewige Homeoffice-Diskussion, und dann platzt irgendwann der Kragen.
Gibt’s Alternativen für Berufe ohne Homeoffice?
Henry: Das wäre eigentlich die spannendere Frage, oder? Also statt zu diskutieren, ob Homeoffice fair ist oder nicht – wie schafft man Flexibilität in Berufen, wo Homeoffice einfach nicht geht? Mir fällt da spontan mehr Urlaubstage ein, oder verkürzte Arbeitszeiten als Ausgleich. Aber klar, für Arbeitgeber ist das natürlich erstmal kontraproduktiv.
Paul: Aus meiner Zeit am Bau kann ich sagen: Da wurde im Sommer ordentlich Überstunden geschoben, und im Winter konntest du die dann abfeiern – da warst du schon mal ein, zwei Monate zu Hause. Freitags wurde oft um eins, zwei Schluss gemacht, und dafür hat man die Woche über eine halbe Stunde länger gearbeitet. Also es gibt durchaus Modelle, aber darüber redet kaum jemand.
Henry: Ehrlich gesagt, die Handwerker, die ich kenne – die haben null Bock, am Rechner zu sitzen. Die wollen raus, die wollen mit den Händen arbeiten. Da müsste man eigentlich mal direkt fragen: Empfindest du das als Ungerechtigkeit, dass dein Nachbar im Homeoffice sitzen kann? Oder sagst du: Nee, ich find’s geil, ich bin an der frischen Luft. Ich glaube, die Antwort würde viele überraschen.
These zwei: Vertrauen statt Anwesenheit
Paul: So, dann haben wir uns das zweite Video angeguckt – und da geht’s ans Eingemachte. Die These: Homeoffice basiert auf Vertrauen und Ergebnissen, nicht auf Anwesenheit. Der Typ sagt, was hab ich davon, wenn jemand neben mir sitzt? Weiß ich dann, dass der arbeitet? Nee. Es gibt genug Daddelautomaten, die kann man auch auf dem Bürobildschirm bedienen.
Henry: Und das finde ich mega gut auf den Punkt gebracht. Also letztendlich – ich bin ja Teamleiter im Innendienst und manche meiner Leute sitzen im Homeoffice – mir ist das völlig egal, ob die bei mir im Büro sitzen oder zu Hause am Laptop. Was für mich zählt, ist: Werden die Aufträge abgearbeitet? Kommen die Ergebnisse? Wenn die das am Strand machen, ist mir das ehrlich gesagt auch egal, solange es funktioniert.
Paul: Und das Vertrauen ist ja nicht nur im Homeoffice wichtig – du musst deinen Mitarbeitern generell vertrauen. Das ist ein generelles Führungsthema. Aber das musste man auch erstmal lernen! Früher gab’s viele Chefs, die alles selbst gemacht haben und niemandem vertraut haben. Durch Corona wurde das quasi erzwungen – du musstest den Leuten vertrauen. Und weißt du was? Bei den meisten hat das super funktioniert.
Ergebnisse messen – aber wie?
Henry: Beim Support ist das einfach – wir haben ein Ticketsystem, da sehe ich Zahlen. Wenn die runtergehen, rede ich mit dem Kollegen. Aber bei kreativen Jobs wird’s spannender. Wie lange braucht man, um eine Website zu bauen? Zwei Wochen? Oder vier Tage, und den Rest lullt man rum?
Paul: Da kann ich aus eigener Erfahrung sprechen. Bei Prozessen, die eingeschleift sind – wie der Podcast jede Woche – da weißt du genau, wie lange du brauchst. Für den Videoschnitt habe ich früher drei Stunden gebraucht, jetzt schaffe ich das in einer Dreiviertelstunde. Aber bei Projekten nutzen wir eine Sprintplanung: Zwei Wochen, was wollen wir schaffen, und danach prüfen wir das Ergebnis. Ich lasse immer ein Drittel meiner Zeit frei für unvorhergesehene Sachen – und habe dann noch Spaßprojekte, falls doch mal Luft ist.
Henry: Genau, und durch dieses Commitment – also sich vornehmen, bis dann und dann das und das fertig zu haben – kriegst du auch relativ schnell mit, ob jemand mitzieht oder nicht. Das funktioniert im Büro genauso wie im Homeoffice.
Missbrauch oder falsche Selbsteinschätzung?
Paul: Jetzt das letzte große Thema: Missbrauch im Homeoffice. Aber ich würde das Wort mal anders formulieren – eher falsche Selbsteinschätzung. Weil durch Corona dachten auf einmal alle, am Küchentisch arbeiten, kein Problem. Und dann merkst du, dass deine Frau nebenan Videokonferenzen hat, die Kinder nachmittags wieder da sind, das Kind ist krank – und plötzlich schaffst du dein Pensum einfach nicht mehr. Nicht weil du schummeln willst, sondern weil die Rahmenbedingungen nicht stimmen.
Henry: Das sehe ich genauso. Also wenn jemand wirklich mutwillig schummeln will, dann macht er das im Büro genauso – da gibt’s genug Möglichkeiten. Aber dieses Thema Ablenkung, das kann halt auf beiden Seiten passieren. Im Büro kommt ständig jemand rein mit einer Frage, ein Hersteller schlägt auf, der Vertrieb will was wissen. Im Homeoffice ist es die Familie. Und der Schlüssel zu allem ist am Ende: Kommunikation.
Paul: Absolut. Bei uns funktioniert das richtig gut. Die Kollegen sagen: „Ich hab um 13 Uhr einen Termin mit dem Kind, bin um 15 Uhr wieder da.“ Oder: „Kind ist krank, heute wird’s vielleicht weniger.“ Und dann weißt du das und kannst das einordnen. Dieses Vertrauen, dass man sich eine halbe Stunde ums kranke Kind kümmern kann, ohne dass der Chef sofort anruft – das ist unbezahlbar. Und weißt du was? Die Leute geben das zurück. Statt sich zwei Tage kindkrank schreiben zu lassen, sagen sie: „Chef, ich ziehe durch, mache halt einen halben Tag.“ Am Ende sparst du dir die zwei Ausfalltage.
Henry: Genau, es ist Geben und Nehmen. Und wenn du unzufriedene Mitarbeiter hast, die suchen sich eh einen neuen Job. Und dann musst du jemand Neues finden, einarbeiten – das kostet mehr Geld und Nerven als mal ein paar Tage weniger Leistung. Ich glaube, da müssen viele Unternehmen einfach umdenken.
Unser Fazit: Die Diskussion ist ausgelutscht – aber wichtig
Paul: Also, mal ehrlich: Die Homeoffice-Diskussion ist runter geritten. LinkedIn, TikTok, überall dreht sich’s nur darum. Aber das Thema verschwindet nicht – auch wenn sich hundert Unternehmer hinstellen und sagen, das ist ungerecht. Die Unternehmen, die Homeoffice nicht anbieten, werden irgendwann kein qualifiziertes Personal mehr finden. Das haben wir ja in der letzten Folge mit Ronny gesehen – seit die komplett remote arbeiten, haben die die zehnfache Menge an Bewerbungen.
Henry: Und wenn hier Handwerker oder Leute aus der Baubranche zuhören: Schreibt uns mal! Wie wird das bei euch gemacht? Habt ihr Ausgleiche, Gimmicks, irgendwas Cooles? Das wäre auch mal eine eigene Folge wert – vielleicht hat ja jemand Lust, mal mit Paul drüber zu schnacken.
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