9# 100% Remote: Warum Hybrid oft der größere Fehler ist

Dies ist Teil 2 unseres Gesprächs mit Ronny von den Conversion Junkies. Teil 1 findet ihr hier – dort geht’s um den Arbeitsplatz der Zukunft, KI-Spracheingabe und AR-Brillen.

10% Auslastung – und dann war das Büro weg

Paul: Ronny, du hast mit deiner Online-Marketing-Agentur einen radikalen Schritt gemacht: komplett remote, kein eigenes Büro mehr. Wie kam es dazu?

Ronny: Das war am Ende eine reine Datenentscheidung. Nach Corona kam niemand mehr ins Büro zurück. Wir haben ein Buchungstool für die Arbeitsplätze eingeführt, das ein halbes Jahr laufen lassen und dann ausgewertet: 10 Prozent Auslastung. Mein Geschäftspartner war die meiste Zeit da, ab und zu mal ein Mitarbeiter – das war’s. Da habe ich gesagt: Das ist Quatsch. Warum zahlen wir weiter für ein Büro, das keiner nutzt?

Paul: Und wie haben die Leute reagiert?

Ronny: Ich bin Pragmatiker – ich bin mit den Daten hingegangen und habe gesagt: Leute, ihr nutzt das Büro nicht, wir sind nicht bereit, das weiter zu bezahlen. Die Daten sprechen für sich. Klar war da erstmal eine komische Stimmung, weil Veränderung im Raum stand. Aber selbst wenn alle gesagt hätten „Wir kommen jetzt wieder jeden Tag“ – die Daten zeigten was anderes.

Paul und Ronny im Podcast-Gespräch
Paul und Ronny über den Weg zur Remote Company

Der überraschende Nebeneffekt: Bewerber-Flut

Ronny: Was dann passiert ist, hat uns selbst überrascht. Als wir neue Mitarbeiter gesucht und in der Anzeige „100% remote“ geschrieben haben, wurden wir regelrecht geflutet mit Bewerbungen. Das kannten wir vorher gar nicht – dass wir uns aus Bewerbern aussuchen können. Ich habe erst gedacht, das ist Zufall, und die Anzeige drei bis vier Wochen ausgeschaltet. Wieder eingeschaltet – exakt derselbe Effekt.

Paul: Und die Leute fragen dann wirklich: „Seid ihr wirklich 100% remote?“

Ronny: Genau das! Die wollen sicher sein, dass es kein Hybrid-Trick ist. Und ich sage dann: Wir haben kein Büro mehr. Du brauchst dir keine Gedanken zu machen, wir holen dich nicht an einen Standort. Der riesige Vorteil: Wir können deutschlandweit einstellen.

Warum Hybrid oft der größere Fehler ist

Ronny erklärt seine Remote-Philosophie
Ronny: „Hybrid nimmt das Schlechteste aus beiden Welten“

Ronny: Was ich immer als Tipp gebe: Wenn du ein Hybrid-Modell anbietest, nimmst du das Schlechteste aus beiden Welten. Der Vorteil von 100% Remote ist, dass du anfangen kannst, alles komplett remote zu denken – Prozesse, Tools, Kommunikation. Bei Hybrid hast du zwei bis drei Themen, die du doppelt und dreifach beackern musst.

Paul: Das kenne ich aus unserer eigenen Umfrage. Ein Drittel will unbedingt einen festen Arbeitsplatz, ein Drittel will Flexibilität mit Shared Desk, und ein Drittel ist eh beim Kunden oder im Homeoffice. Wenn du es versuchst, allen recht zu machen, machst du es am Ende niemandem recht.

Ronny: Genau. Wenn man sich klar entscheidet und das konsequent durchzieht, entwickeln sich die Regeln und Prozesse nur in eine Richtung. Das macht es langfristig deutlich einfacher.

Einsamkeit vermeiden: Virtuelles Büro und Offline-Treffen

Paul: Die große Frage bei Remote ist ja: Wie schafft man Zusammenhalt, wenn sich die Leute nie persönlich sehen?

Ronny: Das ist tatsächlich unsere größte Baustelle. Wir haben ein virtuelles Büro eingerichtet – so eine Art Pixel-Art-Umgebung, in der alle Mitarbeiter als Avatare sichtbar sind. Wenn du bei uns arbeitest und eingeloggt bist, musst du auch im virtuellen Büro sein. So sieht jeder: Ich bin nicht allein, da sind andere. Man kann zum Kollegen hinlaufen und kurz quatschen. Dazu kommen tägliche Speed-Meetings von 15 Minuten – kurz, knackig, damit man sich wenigstens einmal am Tag sieht.

Paul: Manche Entwickler bei uns hatten während Corona den ganzen Tag die Kamera an – zu dritt in einem Teams-Call, einfach nebeneinander her gearbeitet. Mal kurz den Bildschirm geteilt, mal was gefragt, mal einfach nur gewusst: Da ist jemand. Das reicht manchmal schon.

Ronny: Genau. Aber eins haben wir gelernt: Man braucht trotzdem die Offline-Komponente – nur nicht permanent. Ein bis zweimal im Jahr sich persönlich treffen reicht, um den Zusammenhalt zu stärken. Wir planen jetzt feste Meeting-Points im Jahr ein, mit Schulungen, gemeinsam essen gehen, Weihnachtsmarkt. Da geht es weniger ums Arbeiten und mehr ums Miteinander.

Paul und Ronny im Dialog
Zusammenhalt trotz Distanz – geht das?

KI im Remote-Team: Vom Chef vorleben

Ronny über KI-Einsatz im Unternehmen
Ronny treibt KI-first als Chefsache voran

Paul: Ihr nutzt ja auch intensiv KI in eurer Arbeit. Hat das was mit dem Remote-Modell zu tun?

Ronny: Nicht direkt – bloß weil Mitarbeiter remote arbeiten, denken sie noch lange nicht „KI first“. Das muss vom Chef kommen. Wir haben sehr früh ChatGPT-Pro-Accounts für alle Teams besorgt, KI-Austausch-Runden eingeführt und einen eigenen Chat-Kanal, wo Leute teilen, was sie mit KI gemacht haben. Mittlerweile setzen alle bei uns hauptsächlich Gemini ein, weil wir im Google-Workspace arbeiten. Aber wir geben auch andere Tools frei – Claude, ChatGPT, Whisperflow, Textkorrektur-Tools.

Paul: Wie bringst du Leute dazu, das wirklich zu nutzen? Manche sagen ja: „Ich mach das schon immer so.“

Ronny: Mein Lieblingssatz, wenn jemand mit einer Frage zu mir kommt: „Hast du ChatGPT gefragt? Hast du Gemini gefragt? Was haben die gesagt?“ Bevor mir jemand keine KI-Antwort geliefert hat, braucht er mich gar nicht fragen. Ich will zuerst wissen, was die KI sagt – und dann soll der Mitarbeiter mir sagen, was sich davon richtig anfühlt. Die Strategie bleibt beim Menschen, die Umsetzung kann zunehmend die KI übernehmen. Das setzt Kapazität frei für das, was wirklich zählt: strategisch denken und mit Kunden reden.

Fazit: Remote braucht Klarheit, KI braucht Vorleben

Paul: Zwei starke Learnings aus dem Gespräch: Erstens – wenn Remote, dann richtig. Hybrid klingt nach Kompromiss, ist aber oft das Schlechteste aus beiden Welten. Und zweitens – KI im Unternehmen funktioniert nur, wenn die Führung es vorlebt und aktiv vorantreibt. Von alleine passiert da nichts.

Ronny: Genau. Man braucht die richtigen Leute mit dem richtigen Mindset – egal ob remote oder vor Ort. Und man muss Vertrauen aufbauen und Eigenverantwortung fördern. Das ist die Basis für alles.


Folge uns bei:

Spotify: Der Büro Experte Podcast
YouTube: Der Büro Experte auf YouTube
Apple Podcast: Der Büro Experte bei Apple Podcasts

Ähnliche Beiträge