Crowdsourcing
Crowdsourcing bezeichnet die Vergabe einer Aufgabe an eine große, unbestimmte Gruppe von Menschen, meist über eine Internet-Plattform. Der Begriff ist eine Verbindung aus „Crowd“ (Menschenmenge) und „Outsourcing“ und wurde 2006 vom Wired-Journalisten Jeff Howe in seinem Artikel „The Rise of Crowdsourcing“ geprägt. Statt einen spezialisierten Dienstleister zu beauftragen, schreibt der Auftraggeber die Aufgabe offen aus und nutzt die kollektive Intelligenz und Arbeitskraft vieler.
Das Prinzip funktioniert in sehr unterschiedlichen Feldern: Wikipedia sammelt enzyklopädisches Wissen, Kickstarter finanziert Projekte, Amazon Mechanical Turk verteilt Mikroaufgaben, InnoCentive schreibt Forschungsprobleme aus. Allen gemeinsam ist der offene Zugang: Jeder kann mitmachen, die besten Beiträge setzen sich durch.
Typen und Plattformen im Detail:
Crowdfunding: Finanzierung von Projekten, Produkten oder Unternehmen durch viele kleine Beiträge. Unterformen sind Reward-Based (Gegenleistung), Donation-Based (Spende), Equity-Based (Anteile) und Lending-Based (Kredit). Kickstarter und Indiegogo dominieren international, in Deutschland sind Startnext und Companisto bekannt.
Crowdvoting: Eine Menge entscheidet durch Abstimmung. Klassiker sind Wettbewerbe („Wähle das beste Logo“), Produkttests und Rankings auf Bewertungsportalen.
Crowdcreation: Die Menge erstellt Inhalte. Wikipedia ist das bekannteste Beispiel, seit 2001 von Freiwilligen geschrieben und mittlerweile die größte Enzyklopädie der Welt. OpenStreetMap liefert freie Kartendaten, Threadless Design-Wettbewerbe für T-Shirts.
Crowdwisdom: Die Intelligenz der Vielen wird für Vorhersagen oder Problemlösungen genutzt. Prognosemärkte (Prediction Markets) wetten auf Ereignisse und liefern oft erstaunlich präzise Schätzungen. InnoCentive schreibt komplexe Forschungsprobleme aus und zahlt Prämien für die besten Lösungen.
Microtasking: Große Aufgaben werden in winzige Einheiten zerlegt und an viele Personen verteilt. Amazon Mechanical Turk vermittelt seit 2005 solche „Human Intelligence Tasks“. Ein wachsendes Anwendungsfeld ist das Labeling von Trainingsdaten für künstliche Intelligenz.
Crowdsourcing vs. klassisches Outsourcing:
Chancen und Risiken:
Crowdsourcing kann Projekte beschleunigen, Ideenvielfalt liefern und Kosten senken. Gleichzeitig bringt es Schwierigkeiten mit sich, die gerne unterschätzt werden.
- Chance Ideenvielfalt: Offene Ausschreibungen erreichen Perspektiven, auf die interne Teams nicht kommen
- Chance Skalierung: In kurzer Zeit tausende Beiträge möglich, ohne interne Kapazitäten aufzubauen
- Chance Marktvalidierung: Crowdfunding-Kampagnen zeigen früh, ob ein Produkt Interesse weckt
- Risiko Qualität: Ohne Filter kommen auch unbrauchbare Beiträge, Qualitätssicherung frisst den Kostenvorteil
- Risiko IP-Rechte: Bei Creation- oder Innovationsprojekten müssen Nutzungsrechte sauber geklärt sein
- Risiko Ausbeutung: Bei Microtasking liegen Stundenlöhne oft deutlich unter dem Mindestlohn der Auftraggeberländer
- Risiko Datenschutz: Wer personenbezogene Daten an eine Crowd gibt, muss DSGVO-konform arbeiten (Art. 28 DSGVO)
Crowdsourcing im Mittelstand:
Große Konzerne wie Lego, LEGO Ideas, BMW oder Henkel nutzen Crowdsourcing systematisch, um Produktideen zu sammeln oder Innovationsprobleme zu lösen. Für den Mittelstand sind eher überschaubare Einstiege sinnvoll: Kickstarter- oder Startnext-Kampagnen für Produkteinführungen, Logo-Wettbewerbe auf Plattformen wie 99designs, Microtasking-Einsätze bei Clickworker für die Qualitätssicherung von Produktdaten. Entscheidend ist ein klarer Rahmen: saubere Aufgabenbeschreibung, realistische Prämie, rechtssichere Teilnahmebedingungen.
Relevanz im Arbeitsalltag:
Crowdsourcing ist kein Randphänomen mehr. Wikipedia hat eine ganze Generation geprägt, Kickstarter hat zehntausende Projekte finanziert, Amazon Mechanical Turk liefert einen nennenswerten Teil der Trainingsdaten für moderne KI-Modelle. Wer heute ein Produkt einführt, eine Idee sucht oder Daten aufbereiten muss, sollte Crowdsourcing zumindest als Option prüfen. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wann und in welcher Form.
Synonyme:
- Schwarmauslagerung
- Schwarmintelligenz (im weiteren Sinn)
- Open Innovation (teilweise synonym)
Abgrenzung zu:
- Outsourcing: Vergabe an einen bestimmten Vertragspartner, nicht an eine offene Menge.
- Open Source: Quelloffene Software als Sonderfall kollaborativer Entwicklung, oft ohne Vergütung.
- Open Innovation: Breiterer Ansatz, Crowdsourcing ist ein Werkzeug innerhalb davon.
- Citizen Science: Wissenschaftliches Crowdsourcing mit ehrenamtlichen Forschern (Vogelzählungen, Exoplaneten-Suche).
Siehe auch:
- Crowdfunding
- Open Innovation
- Digitalisierung am Arbeitsplatz
- Innovation
- Wissensmanagement
Literaturhinweise:
- Howe, Jeff: „The Rise of Crowdsourcing“. Wired Magazine, Juni 2006.
- Howe, Jeff: „Crowdsourcing: Why the Power of the Crowd Is Driving the Future of Business“. Crown Business, 2008.
- Estellés-Arolas, Enrique; González-Ladrón-de-Guevara, Fernando: „Towards an integrated crowdsourcing definition“. Journal of Information Science, 2012.
- Bundesverband Crowdfunding e.V., jährliche Marktreports zur Branchenentwicklung in Deutschland.
