Selbständig machen: Wann Gründung wirklich Sinn macht (Podcast Folge 24)

Selbständig machen klingt für viele erst einmal nach Freiheit, eigenen Entscheidungen und endlich dem eigenen Ding. Aber wann macht eine Gründung wirklich Sinn – und wann ist sie vielleicht eher Flucht aus einem Job, der gerade nervt? In Folge 24 spricht Paul mit Gründungsberater Roland Nette von Avalia darüber, warum gute Beratung nicht nur aus Businessplan-Vorlagen besteht, weshalb der Nebenerwerb gerade so beliebt ist und warum der erste ehrliche Realitätscheck oft bei den eigenen Lebenshaltungskosten beginnt.

Roland Nette, Avalia und der Weg in die Gründungsberatung

Paul: Roland, schön, dass du da bist. Es geht heute um Existenzgründung, um Mitarbeitende, die sich vielleicht verändern wollen, und um die Frage, wie man nicht einfach ins kalte Wasser geschubst wird, sondern wenigstens ein paar Schwimmringe dabeihat. Erzähl doch erst mal kurz: Wer bist du und was machst du?

Roland: Sehr gern. Ich bin Roland Nette, geschäftsführender Gesellschafter der Avalia GmbH & Co. KG. Ich habe in Dresden Wirtschaftspädagogik studiert, bin also Betriebswirtschaftler und Pädagoge zugleich, und bin nach dem Studium erst einmal in eine Unternehmensberatung gegangen. Das war mir wichtig, weil ich gesagt habe: Wenn ich irgendwann Menschen beraten oder vielleicht auch unterrichten will, dann muss das authentisch sein. Ich wollte nicht direkt aus dem Studium heraus anderen erzählen, wie die Praxis funktioniert, ohne selbst gearbeitet zu haben.

Paul: Und dann bist du über diese Beratung relativ früh beim Thema Existenzgründung gelandet.

Roland: Genau. Dort wurde viel Existenzgründungsberatung gemacht, und da lernt man wirklich von der Pike auf. Gleichzeitig kam irgendwann die Frage: Wie authentisch ist es eigentlich, wenn ich Menschen in die Selbständigkeit begleite, selbst aber komplett angestellt bin? Also haben wir erst nebenberuflich gegründet und 2012 dann mit Avalia richtig gestartet. Uns war damals schon wichtig: Gründung darf nicht einsam sein. Viele starten allein, ohne Team, ohne Onboarding, ohne Menschen um sich herum. Deshalb spielen Vernetzung und ehrlicher Austausch bei uns eine große Rolle.

Paul: Und euer erstes Büro klang jetzt nicht gerade nach Hochglanz-Gründerstory.

Roland: Überhaupt nicht. Das war klein, ungefähr 15 Quadratmeter, und wir haben zusammengetragen, was privat irgendwo noch herumstand. Ein Tisch, ein paar Stühle, ein Drucker – und mit diesem Drucker haben wir damals Förderanträge ohne Ende gedruckt. Wir waren zu viert in diesem kleinen Raum. Es war sehr kuschelig, sagen wir es mal so. Aber wir hatten ein Ziel: Nach einem Jahr wollten wir aus der UG eine GmbH machen. Und genau solche Etappenziele sind für Gründer enorm wichtig.

Warum Geld allein kein guter Grund für Selbständigkeit ist

Paul: Viele denken ja: Der Chef verdient das große Geld, also mache ich mich selbständig und verdiene das dann eben auch. Ist das ein guter Startpunkt?

Roland: Als alleiniger Antrieb ist das schwierig. Natürlich muss ein Unternehmen Geld verdienen, sonst funktioniert es nicht. Aber wer nur gründet, weil er denkt, dass beim Chef alles hängen bleibt, sieht oft nicht die andere Seite: Verantwortung, Risiko, Akquise, Bürokratie, Mitarbeitende, Liquidität. Das ist nicht nur mehr Geld, sondern erst einmal mehr Verantwortung.

Paul: Bei dir selbst gab es ja auch diesen Moment, wo du hättest sagen können: Ich lasse mich wieder anstellen, dann ist alles sicherer.

Roland: Ja, absolut. Ich hatte damals noch nicht viel Berufserfahrung, meine Frau war im Studium, und natürlich kommt dann Angst hoch. Aber gleichzeitig hatte ich schon erlebt, was es bedeutet, mit dem eigenen Team etwas aufzubauen. Diese Freiheit und dieses Gefühl, etwas mit den eigenen Händen geschaffen zu haben, wollte ich nicht einfach aufgeben. Ein Steuerberater hat mir damals vor allem Mut gemacht. Fachlich habe ich vieles selbst gemacht, aber emotional war dieses „Mach mal, das passt schon“ wichtig.

Paul: Also braucht es manchmal jemanden, der einen ein bisschen schubst – aber nicht blind über die Klippe.

Roland: Genau. Mut ist wichtig, aber Mut ersetzt keine Planung. Es geht nicht darum, einfach loszurennen und zu hoffen, dass schon irgendwer kauft. Sondern darum, ehrlich zu prüfen: Brenne ich wirklich für diese Idee? Gibt es einen Markt? Habe ich die Energie, dranzubleiben? Und bin ich bereit, auch unangenehme Fragen zu beantworten?

Nebenerwerb, Risiko und die Frage: Passt Gründung wirklich zu mir?

Paul: Du hast den KfW-Gründungsmonitor angesprochen. Da sieht man, dass gerade viele Menschen im Nebenerwerb gründen. Warum ist das so beliebt?

Roland: Weil es risikoärmer ist. Viele bleiben erst einmal im Angestelltenverhältnis und bauen nebenbei etwas auf – im E-Commerce, als Coach, als Berater, mit einer kleinen Agentur oder einem digitalen Produkt. Die Kapitalanforderungen sind oft niedriger, und man sichert das bestehende Einkommen ab. Das kann funktionieren, aber man darf den Zeitfaktor nicht unterschätzen. Irgendwann stellt sich die Frage: Soll das nur ein Zuverdienst bleiben oder wirklich ein tragfähiges Unternehmen werden?

Paul: Woran erkenne ich denn, ob eine Gründung grundsätzlich Sinn macht?

Roland: Der erste Punkt ist immer die Gründerperson selbst. Brennt jemand für die Idee? Hat die Person Lust auf Unternehmertum – nicht nur auf das Produkt, sondern auch auf Vertrieb, Zahlen, Entscheidungen und Verantwortung? Zweitens braucht es ein Geschäftsmodell, das realistisch Kunden gewinnen kann. Und drittens muss das Umfeld mitgedacht werden. Familie, finanzielle Verpflichtungen, Zeit, Energie – das alles ist nicht nebensächlich, sondern Teil der Gründungsrealität.

Paul: Das ist der Unterschied zwischen „Ich probiere mal Datteln auf dem Markt“ und „Ich baue daraus ein echtes Geschäft“.

Roland: Genau. Ausprobieren ist völlig okay. Aber dann muss ich ehrlich sagen: Was ist mein Ziel? Will ich testen, ob der Markt reagiert? Will ich nur nebenbei etwas verdienen? Oder will ich wirklich dahin kommen, dass ich irgendwann davon leben kann? Ohne Ziel kann man sich jahrelang im Perfektionieren verlieren und kommt trotzdem nicht voran.

Unternehmerlohn und Finanzplanung: Der erste ehrliche Realitätscheck

Paul: Jetzt nehmen wir mal jemanden, der nicht mehr Anfang 20 ist, sondern Familie hat, Haus, Verpflichtungen und vielleicht 4.000 Euro netto im Monat braucht. Wie sollte so ein Start funktionieren?

Roland: Das hängt natürlich stark vom Geschäftsmodell ab. Man kann keine pauschale Zahl nennen. Aber der erste Schritt ist immer eine Finanzplanung – so trocken das klingt. Ich sage Gründern: Fangt bei euren eigenen Kosten an. Was braucht ihr privat wirklich? Miete oder Kredit, Versicherungen, Essen, Auto, Familie, Rücklagen. Daraus ergibt sich ein Unternehmerlohn, der nicht einfach Wunschdenken ist, sondern eine notwendige Größe.

Paul: Viele rechnen wahrscheinlich eher so: Ich mache Umsatz, dann bleibt schon irgendwas übrig.

Roland: Und genau das ist gefährlich. Umsatz ist nicht Gewinn, und Gewinn ist noch nicht automatisch das Geld, das du privat sicher entnehmen kannst. Du brauchst Steuern, Sozialversicherung, Betriebskosten, Investitionen und Durststrecken im Blick. Erst wenn du weißt, was privat und betrieblich wirklich gebraucht wird, kannst du prüfen, wie viele Kunden, Aufträge oder Verkäufe nötig sind.

Paul: Und wenn das Ergebnis weh tut?

Roland: Dann ist das trotzdem wertvoll. Lieber tut die Planung weh als später das Konto. Vielleicht ist dann der Nebenerwerb der bessere Einstieg, vielleicht braucht es mehr Rücklagen, vielleicht muss das Geschäftsmodell angepasst werden. Aber genau dafür macht man diese Rechnung vorher.

Fördermittel, Gründungscoaching und woran man gute Beratung erkennt

Paul: Viele Gründer wissen gar nicht, welche Unterstützung es überhaupt gibt. Was ist da realistisch?

Roland: Es gibt verschiedene Fördermöglichkeiten, aber man muss unterscheiden: Nicht immer geht es direkt um Geld, das aufs Konto kommt. Wer aus der Arbeitslosigkeit gründet, kann zum Beispiel über einen AVGS-Gutschein ein Gründerseminar oder individuelles Gründercoaching bekommen. Das bezahlt dann die Agentur für Arbeit oder das Jobcenter. Dort kann man Businessplan, Finanzplanung, Tragfähigkeit, Kundengewinnung und die bürokratischen Schritte sauber durchgehen.

Paul: Das heißt, gute Beratung ist mehr als: Ich schreibe dir schnell einen Businessplan, damit der Antrag irgendwie durchgeht.

Roland: Genau. Ein guter Berater spiegelt auch unangenehme Dinge. Wenn jemand Datteln verkaufen will und keiner kauft Datteln, dann muss man darüber sprechen. Vielleicht ist die Zielgruppe falsch, vielleicht das Produkt, vielleicht der Vertriebsweg. Beratung darf nicht nur bestätigen, was der Gründer sowieso hören will. Sie muss helfen, die Idee marktfähig zu machen – oder ehrlich zu erkennen, wenn sie so nicht trägt.

Paul: Woran erkenne ich denn einen guten Berater?

Roland: Ich würde immer schauen: Hört die Person wirklich zu? Fragt sie nach Ziel, Markt, Zahlen und Kunden? Hat sie Erfahrung mit Gründung und nicht nur mit Formularen? Und ganz wichtig: Gibt sie dir das Gefühl, dass sie dich stärkt, aber nicht alles schönredet? Ein Berater sollte dir Mut machen und gleichzeitig realistisch bleiben.

Teamgründung, Netzwerk und die fünf Punkte zum Mitnehmen

Paul: Ihr habt damals im Team gegründet. Das klingt erst mal schön, kann aber wahrscheinlich auch scheitern, wenn die Ziele nicht zusammenpassen.

Roland: Absolut. Teamgründung ist wie eine Beziehung. Man muss vorher ehrlich sprechen: Warum macht jeder das? Welche Ziele hat jeder? Wie viel Risiko will jeder tragen? Wenn der eine nur ein bisschen mitmachen will und der andere seine komplette Vision darin sieht, dann wird es schwierig. Gerade bei Freunden ist Ehrlichkeit wichtig, weil unausgesprochene Erwartungen später richtig wehtun können.

Paul: Und dann kommt noch das Thema Netzwerk dazu. Du wirkst nicht so, als würdest du Gründung als einsames Kämmerlein verstehen.

Roland: Nein, gar nicht. Netzwerk ist extrem wichtig. Gründer brauchen Menschen, die Fragen stellen, Kontakte herstellen, Erfahrungen teilen und manchmal einfach nur sagen: Das kenne ich, du bist damit nicht allein. Gerade am Anfang fehlt vielen dieses Umfeld, das man als Angestellter automatisch hat. Deshalb sollte man aktiv rausgehen, testen, sprechen, Feedback holen und nicht alles im eigenen Kopf entscheiden.

Paul: Zum Schluss hast du fünf Punkte mitgegeben. Fassen wir die einmal zusammen.

Roland: Erstens: Brenne für deine Idee und hab wirklich Lust auf das, was du tust. Zweitens: Setz dir klare Ziele, wohin du mit der Gründung willst. Drittens: Sei selbstkritisch und prüfe ehrlich, ob du das wirklich willst. Viertens: Befrage dein Umfeld, teste Dinge aus und hol dir Feedback. Und fünftens: Hab keine Angst, aber komm ins Tun. Tun kommt von Tun – und irgendwann muss man eben anfangen.

Takeaway aus Folge 24

  • Eine Gründung sollte nicht nur aus Frust oder Geldhoffnung entstehen, sondern aus echter Motivation und einem tragfähigen Ziel.
  • Der Nebenerwerb kann ein guter Einstieg sein, wenn man Risiko reduzieren und den Markt erst testen will.
  • Finanzplanung beginnt bei den privaten Lebenshaltungskosten und einem realistischen Unternehmerlohn.
  • Förderungen und Gründercoachings können enorm helfen, ersetzen aber keine ehrliche Prüfung des Geschäftsmodells.
  • Gute Beratung macht Mut, stellt aber auch unbequeme Fragen zu Markt, Kunden, Zahlen und persönlicher Belastbarkeit.

Wenn du also schon länger über Selbständigkeit nachdenkst, aber noch zwischen „Irgendwann mache ich das“ und „Bloß kein Risiko“ hängst, ist diese Folge ein guter Realitätscheck. Nicht abschreckend, sondern wohltuend ehrlich: Gründung darf mutig sein, aber sie sollte nicht blind passieren.


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