Vom Unternehmer zum Angestellten – wie fühlt sich das wirklich an? (Podcast Folge 19)

Was passiert, wenn du nach 20 Jahren als Unternehmer plötzlich Angestellter wirst? Andre Titels weiß es – und erzählt im Podcast ganz offen, wie sich dieser krasse Wechsel wirklich anfühlt. Von gesundheitlichen Grenzen über den Unternehmensverkauf bis hin zur Frage, ob man als ehemaliger Chef überhaupt ins Team passt.

Vom Kaufland-Hinterzimmer zum Franchise-Imperium

Paul: Andre, du warst lange Unternehmer und jetzt bist du Angestellter. Aber fangen wir ganz vorne an – was war eigentlich dein erstes Büro?

Andre: Mein erstes Büro war ein Hinterzimmer bei Kaufland in Cottbus. Ohne Fenster, dafür mit vielen Produktproben, einem immer unaufgeräumten Schreibtisch – und direkt am Flur, wo die Hubwagen langfuhren. Ziemlich staubig, aber es war der Anfang. Meine erste berufliche Station als Marktleiter.

Paul: Und von da aus hast du dich dann selbstständig gemacht?

Andre: Genau. Ich habe ein Franchise-Unternehmen aufgebaut – Tintentonertankstationen. Das Thema Druckerverbrauchsmaterial, Patronen nachfüllen und recyceln. Das habe ich gute 20 Jahre betrieben und irgendwann waren es 120 Filialen europaweit. Das Problem: Ich habe es am Ende komplett alleine gewuppt. Und irgendwann hat der Körper gesagt – Stopp.

Wenn der Körper die Entscheidung trifft

Paul: Wie fühlt sich denn dieser Wechsel vom Unternehmer zum Angestellten an?

Andre: Das ist ein Prozess. Der erste Aufschlag war gesundheitlich – mit 120 Filialen alleine war das Pensum einfach zu viel. Dann kam Corona und man hat nochmal komplett drüber nachgedacht. Rückblickend sage ich: Die Unternehmung hat mir alles gegeben, aber auch alles genommen. Mitte 2021 habe ich verkauft. Dass ich dann in einer Anstellung lande, war mir zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht klar. Erstmal wollte ich mindestens ein halbes Jahr für mich, um mich wiederzufinden.

Paul: Und dann kam Newtron?

Andre: Ende 2022 bin ich mit Newtron in Berührung gekommen. Die suchten jemanden für den Vertrieb, und ich dachte mir – gucke ich mir mal an. Und da bin ich hängen geblieben. Nicht mehr im klassischen Vertrieb, sondern als Marketingleiter mit Business Development und Partnermanagement. Es hat sich durch meine unternehmerischen Tugenden auch dort die Position weiterentwickelt. Wie sagt man so schön – es passiert nichts umsonst.

Führung als Angestellter – von 100 auf Teamarbeit

Paul: Wie hat sich dein Blick auf Führung verändert?

Andre: Das ist eine tagtägliche Herausforderung. Früher hatte ich ein Problem auf dem Tisch, habe mir 50-60 Prozent Wissen angeeignet und bin einfach losgerannt. Nachjustieren konnte man ja im Prozess. Als Angestellter geht das nicht – du musst es mit anderen abgleichen, Projektteams machen, und es geht erst los, wenn du ziemlich 100 Prozent Gewissheit hast. Als Unternehmer hatte ich die Zeit zum Überdenken gar nicht. Wenn ich da alles zu 150 Prozent durchdacht hätte, wäre der Wettbewerb komplett an mir vorbeigezogen.

Paul: Und wie wirst du im Team wahrgenommen? Denken die „Oh nein, der Unternehmertyp“ – oder eher „Geil, endlich ein klarer Mensch“?

Andre: Das war eine Lernkurve für das Team. Ich bin ziemlich geradeheraus. Wenn ich was klarstelle, merkt man schon, dass der Gegenüber manchmal kurz zusammenzuckt. Dann sage ich immer mit einem Lächeln: Abkürzung durch Wahrheit. Das spart uns allen Zeit – und es geht fast nie auf einer persönlichen Ebene.

Personal finden – die ewige Herausforderung

Paul: Wenn du an dein eigenes Unternehmen zurückdenkst – was war am Anfang schwerer: Kunden gewinnen oder den richtigen Mitarbeiter finden?

Andre: Eindeutig Personal. Die Tintentonertankstationen waren Filialgeschäft. Durch die professionelle Nachfüll-Idee kamen die Kunden quasi von alleine – das Thema war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Aber die Filialen waren One-Man-Shows, maximal mit einer Halbtagskraft. Und die größte Herausforderung war, dass die Leute vor Ort nicht vereinsamen.

Paul: Wie hast du das gelöst?

Andre: Du musst vor Ort sein, im Gespräch bleiben. Ich habe Gruppenchats etabliert – früher über Skype – und wenn es nur die Frage war „Was gibt’s zum Mittag?“, damit die wissen, sie sind nie alleine. Die Leute mussten klar unterscheiden können zwischen alleine sein und einsam sein. Alleine im Laden stehen ist okay – aber sie durften sich nie einsam fühlen. Sie konnten jederzeit anrufen, und wenn die Katze Nasenbluten hatte, gab’s immer irgendwie eine Lösung.

Werte, Vertrauen und die bittere Enttäuschung

Paul: Nach welchen Werten hast du dein Unternehmen geführt?

Andre: Für mich war das Wichtigste: Gesprochenes Wort ist geschriebenes Wort. Meine Leute wussten genau, wie ich reagiere – da gab’s keine Überraschungen. Ich war transparent und berechenbar. Und beim Verkauf galt: Wir verkaufen nur Dinge, hinter denen wir stehen. Lieber dem Kunden die ehrliche Lösung als den schnellen Euro. Diese Ehrlichkeit im Vertrieb zahlt sich langfristig immer aus.

Paul: Gab’s Momente, wo Theorie und Realität nicht zusammengepasst haben?

Andre: Ja, und es fühlt sich beschissen an. Meine größte Enttäuschung als Unternehmer war mit einem Außendienstmitarbeiter. Man hat ihm einen Mercedes CLA besorgt, ihn mit Vertrauen losgeschickt – und dann kamen Strafzettel von Orten, wo er nie hätte sein dürfen, zu Zeiten, die keinen Sinn ergaben. Aber unterm Strich würde ich es nicht anders machen. Du lebst davon, Vertrauen vorzuschießen. Anders funktioniert’s halt nicht.

Mitarbeiterbindung bei Newtron – 16 Benefits und echte Wertschätzung

Paul: Wie macht Newtron die Mitarbeiterbindung? Wie kriegen die das hin, dass Leute gerne dort arbeiten?

Andre: In der IT-Branche sind die Margen ein Stück weit gesünder, da bleibt vom Zehn-Euro-Schein mehr übrig. Bei Newtron gibt’s in Summe 16 Benefits – vom Obstkorb über Leasing-Bike bis hin zu ergonomischen höhenverstellbaren Schreibtischen. Jeder hat seine Grünpflanze im Büro für Wohnzimmeratmosphäre. Es gibt feste Pausenzeiten zum Austausch, die Möglichkeit remote zu arbeiten – sogar europaweit bis zu einem Monat. Weihnachten ist zwischen dem 24. und 31. frei. Und das Beste: Die Leute sehen das nicht als selbstverständlich. Wir haben Mitarbeiter mit 20 und 25 Jahren Betriebszugehörigkeit – da kann nicht alles schieflaufen.

Paul: Einen Monat remote von überall – das wäre auch mein Traum! Mit den Kindern geht’s noch nicht, aber irgendwann mal zwei Monate auf einer Insel arbeiten…

Warum kündigen Mitarbeiter wirklich?

Paul: Letzte Frage: Warum kündigen Mitarbeiter – und was erzählen sich Unternehmer stattdessen?

Andre: Bei mir damals war es die Einsamkeit. Die Leute kamen damit nicht klar, alleine im Laden zu stehen, und sagten: Ich muss unter Leute. In der IT-Branche sehe ich eher, dass Leute irgendwann satt sind. Sie werden müde von der Routine und fahren abends nach Hause und fragen sich, warum sie morgens überhaupt ins Büro gefahren sind. Die entscheidende Frage ist: Weißt du, welchen Wert du in der Wertschöpfungskette deines Unternehmens hast? Wenn das abbricht, gehen Leute zu neuen Ufern – dahin, wo sie sich wertvoller fühlen.

Paul: Und ich kann das bestätigen – wir hatten eine Top-Vertrieblerin aus Erfurt, die nach sechs Wochen mit Tränen in den Augen gekündigt hat. Sie kam mit dem Homeoffice ohne Menschen einfach nicht klar und ist in die Produktion gegangen, unter Leute. Seitdem achten wir darauf, dass neue Mitarbeiter schon Erfahrung im Homeoffice mitbringen.

Andre: Und was erzählen sich Unternehmer? Wahrscheinlich nie die Wahrheit. Manche sind enttäuscht und nehmen es persönlich, wenn jemand kündigt. Ich kenne das auch – „Du bist hier Familienmitglied, man rennt nicht einfach weg!“ Aber da muss man tief Luft holen. Ich hatte einen guten Freund als Führungskraft, der eine Geschäftsführerposition angeboten bekam. Zehn Minuten nachdem es wehtat, habe ich gesagt: Mach’s. Die Chance kriegst du bei mir nicht. So ehrlich muss man zu sich selbst sein.

Fazit: Was man aus 20 Jahren Unternehmertum mitnimmt

Andre Titels zeigt: Der Wechsel vom Unternehmer zum Angestellten ist kein Rückschritt – sondern eine bewusste Entscheidung für Gesundheit und neue Perspektiven. Die wichtigsten Erkenntnisse:

  • Vertrauen vorschießen lohnt sich immer – auch wenn es mal enttäuscht wird
  • Einsamkeit am Arbeitsplatz ist ein unterschätzter Kündigungsgrund, ob im Laden oder im Homeoffice
  • Ehrlichkeit im Vertrieb zahlt sich langfristig aus – keine schnellen Euros auf Kosten der Kundenbeziehung
  • Klares Onboarding mit einem definierten Wunschprofil spart Monate an Einarbeitung
  • Mitarbeiterbindung funktioniert über echte Wertschätzung, nicht über Selbstverständlichkeiten
  • Als Unternehmer in der Anstellung: Geradeheraus sein und „Abkürzung durch Wahrheit“ nehmen

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