15# „Ich dachte…“ – der Satz, der Unternehmen richtig Geld kostet

Unternehmenskultur ist kein Poster an der Wand

Paul: Heute habe ich Mariam Akopcian zu Gast. Sie arbeitet mit Teams und Führungskräften an Unternehmenskultur, Kommunikation und besserem Miteinander. Und ich bin gespannt, ob wir ein paar unbequeme Wahrheiten auf den Tisch bekommen. Mariam, erzähl mal – wie bist du dazu gekommen, dich mit dem Thema selbständig zu machen?

Mariam: Ich bin seit fast zwei Jahren selbständig. Der Wunsch war eigentlich schon immer da – ich habe als Kind am Computer gesessen und gesagt: „Ich habe mein eigenes Unternehmen.“ Was genau, wusste ich noch nicht, aber der Antrieb war da. Über die Jahre in der Arbeitswelt hat sich dann herauskristallisiert: Es ist die Kultur, die mich fasziniert. Wie kommunizieren Teams miteinander? Haben sie ein gemeinsames Ziel? Gehen sie wirklich gemeinsam den richtigen Weg?

Wenn der falsche Mensch ins Team kommt

Paul: Ich hatte mal eine Führungskraft eingestellt – gestandener Mann, Mitte 50, hatte 200-Mann-Unternehmen gemanagt. Sehr charismatisch, klare Vision für den Vertrieb. Ich dachte: Den will ich haben. Nach einem Jahr war ich froh, dass er weg war.

Er wusste, wie man Vertrieb führt und dem Lieferanten den letzten Cent abknöpft. Aber es hatte nichts mit unserer Kultur zu tun. Wir haben mal einen Teamausflug gemacht, jeder sollte fünf Werte aufschreiben, die ihm wichtig sind. Bei ihm stand Geld und Macht ganz oben. Bei allen anderen: Wertschätzung, Familie, gemeinsam vorankommen. Das war der erste Schock.

Mariam: Das passiert leider oft. Wenn jemand dazukommt, der ganz andere Werte hat und man das im Vorfeld nicht klar kommuniziert, kann es gutgehen – oder eben nicht. Werte sind das, wonach wir agieren, ob im Beruf oder privat. Und wenn die nicht zusammenpassen, merkt das Team das schneller als die Führungsetage.

Paul: Als wir uns getrennt haben, war es wie ein Ballast, der von der Firma fiel. Die Mitarbeiter sagten: „Oh Gott, wir haben unseren Paul wieder!“ Einige hatten sogar schon überlegt zu gehen. Das war ein harter Weckruf.

Die vier Phasen eines Teams – und warum die meisten nie ankommen

Mariam: Jedes Team durchläuft vier Phasen: Forming, Storming, Norming, Performing. Am Anfang lernt man sich kennen, dann kommen die Konflikte, dann die Regeln – und erst in Phase vier arbeitet ein Team wirklich effizient zusammen. Das Problem: Die wenigsten Teams kommen je in Phase vier. Sie hängen zwischen Storming und Norming fest.

Gerade bei Wachstum passiert das ständig. Neue Leute kommen dazu, aber die Strukturen sind noch die alten. Wir versuchen dann mit den bestehenden Prozessen zu arbeiten und merken erst, dass es nicht funktioniert, wenn es gegen die Wand läuft.

„Ich dachte…“ – der teuerste Satz im Büro

Paul: Was ist der häufigste Kommunikationsfehler, der richtig Geld kostet?

Mariam: Missverständnisse. Ich liebe dieses Wort: „Ich dachte.“ Ich dachte, du meinst das so. Ich dachte, das war klar. Viele Menschen nehmen etwas auf, übersetzen es durch ihre eigene Brille und laufen los – ohne nachzufragen, ob sie es richtig verstanden haben.

Mein Tipp: Immer wenn ich denke, ich habe es verstanden, frage ich noch einmal nach. „Du möchtest also eine Liste mit A, B, C und D?“ – „Nein, nur A und B.“ So einfach. Eine Rückfrage kostet nichts. Ein Missverständnis kann richtig teuer werden.

Eisberg, DISC und die Sprache des anderen sprechen

Mariam: 80 Prozent unserer Kommunikation passiert unter der Oberfläche – wie bei einem Eisberg. Oben sind die Sachinhalte, unten liegt alles andere: Beziehungsebene, Tonlage, Erfahrungen, Glaubenssätze. Wir kommunizieren zu 80 Prozent nonverbal. Fünf Leute können denselben Satz hören und fünf verschiedene Dinge verstehen.

Ein Team, mit dem ich gearbeitet habe, hat sich das Eisberg-Bild ausgedruckt und aufgehängt. Wenn es Spannung gibt, fragt einer: „Bist du gerade oberhalb oder unterhalb vom Eisberg?“ Also: Geht es um die Sache – oder bist du gerade emotional getroffen? Allein diese eine Frage lockert die Situation auf und bringt Reflexion rein.

Paul: Das DISC-Modell haben wir auch gemacht. 20 bis 30 Leute, vier Farbgruppen, jede Gruppe hat einen Vortrag gehalten. Es war erschreckend, wie ähnlich die Leute in einer Gruppe tickten. Das hat Tränen ausgelöst – auch bei den Herren. Und es hat uns extrem geholfen. Mein Prokurist ist blau – rationaler Zahlenmensch. Ich bin gelb – der Hüpfefloh. Wir gucken uns manchmal in die Augen und er sagt: „Stopp, schreib mir eine Mail. Wenn es dir dann immer noch wichtig ist, reden wir.“

Remote führen: Transparenz statt Misstrauen

Paul: Als Corona kam und alle plötzlich zu Hause waren, hatte ich ein Problem, das mich erschüttert hat: Alle dachten, die anderen arbeiten nicht. Die Telefonanrufe hatten sich verdreifacht, die Umsätze explodierten – und trotzdem hieß es: „Der kocht doch nur Kaffee.“ Einfach weil man sich nicht mehr gesehen hat.

Wir haben dann ein Dashboard entwickelt, auf dem jeder sehen konnte: Wie steht die Firma? Was sind die Ziele? Wie belastet ist jedes Team? Plötzlich hatten die Leute nicht nur Transparenz, sondern auch Empathie. Wenn ein Team am Anschlag war, haben andere gesagt: „Die Reklamation mache ich selbst, bevor ich denen das noch reinpacke.“

Mariam: Beim Remote-Arbeiten fallen all die kleinen Signale weg – das Lächeln an der Kaffeemaschine, die Körperhaltung im Meeting. Kommunikation wird dann noch viel wichtiger. Regelmäßige Feedbackgespräche, ein klarer Rahmen und vor allem: Zugehörigkeit schaffen. Menschen wollen dazugehören. Wenn sich ein Team nur alle paar Monate sieht, müssen diese Treffen bewusst gestaltet werden.

Was wir mitnehmen

Mariams drei wichtigste Tipps: Erstens – sprich deine Wahrnehmung aus. „Bei mir kommt das so und so an – ist das so gemeint?“ Das nimmt Schärfe aus jedem Gespräch. Zweitens – lerne die Sprache des anderen. Ob mit dem DISC-Modell oder dem Eisberg: Wer versteht, warum der andere so tickt, kommuniziert automatisch besser. Drittens – Reflexion vor Reaktion. Wenn du gerade emotional bist, geh raus. Atme durch. Sag nichts, was du hinterher bereust. Denn wie Leer Bürkenbier es sagt: Jeder von uns lebt auf seiner eigenen Insel. Unsere Aufgabe ist es, Brücken zu bauen.


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