16# Vom Tonstudio ins Büro: Was Akustik wirklich ausmacht

Was haben ein Metal-Core-Tonstudio und ein modernes Großraumbüro gemeinsam? Mehr, als man denkt. In dieser Folge ist Jan Matthies zu Gast – Musiker, Songwriter, Produzent und Akustik-Berater bei Ergopaneel. Er ist viereinhalb Stunden angereist, um mit Paul über ein Thema zu sprechen, das in fast jedem Büro unterschätzt wird: Akustik.

Vom Lager zum Akustik-Experten

Paul: Jan, willkommen in Dresden! Erzähl mal – was war denn dein allererstes Büro?

Jan: Oha, das war in meinem Ausbildungsbetrieb. Ich bin gelernter IT-Systemkaufmann und mein Chef hat mich eingestellt, weil er einen „großen Kerl fürs Lager“ brauchte. Mein Büro war praktisch eine Abstellkammer – ich behaupte mal, nicht mehr als vier Quadratmeter. Kleiner Schreibtisch, Heizung war drin, aber Ergonomie? Schwierig. Ich bin zwei Meter groß und der Tisch war viel zu niedrig. Da hieß es dann: „Mach ein paar Bücher drunter, das geht schon.“

Paul: Klassiker! Und wie bist du dann zur Akustik gekommen?

Jan: Über den Umweg Musik. Ich bin Musiker und Produzent, spiele in einer Metal-Core-Band namens „Einer Sunset“, die ich 2022 gegründet habe. Privat beschäftige ich mich also intensiv mit Akustik. Und beruflich kam ich aus der Büromöbelbranche – Stühle, Tische, das volle Programm. Als dann Ergopaneel jemanden für den Norden suchte, war das wie gemacht für mich. So bin ich in die Büroakustik reingerutscht.

Woran merke ich, dass die Akustik schlecht ist?

Paul: Mal ehrlich – woran merke ich als Laie überhaupt, dass die Akustik schlecht ist? Außer dass es irgendwie laut ist?

Jan: Da muss man erstmal unterscheiden: Lautstärke und schlechte Akustik sind zwei verschiedene Themen. Laut kann es sein, weil draußen Autos langfahren oder weil zu viele Leute telefonieren. Schlechte Akustik merkst du, wenn der Hall zu stark ist – wenn alles doppelt und dreifach zurückkommt. Oder wenn dein Gegenüber in der Videokonferenz sagt: „Mensch, ich höre dich doppelt.“ Das liegt dann an zu vielen glatten Flächen. Nachhallzeit ist da das Schlagwort.

Paul: Das ist aber auch sehr subjektiv, oder?

Jan: Absolut. Jeder nimmt Akustik anders wahr. Mein Lieblingsbeispiel: Stell dir einen Meister in einem Metallbaubetrieb vor, Mitte 50, der sein ganzes Leben ohne Hörschutz geflext hat. Der merkt das gar nicht mehr. Aber jemand, der immer auf sein Gehör geachtet hat und ein bisschen ausgebildet ist – der kommt in so einen Raum rein und sagt sofort: „Hier müssen wir was machen.“

Glasfassaden, glatte Böden – der häufigste Fehler

Paul: Was ist denn der häufigste akustische Fehler in modernen Büros?

Jan: Dass man Büros möglichst hell und schick machen will. Viel Glas, glatter Fußboden, Fliesen – weil man denkt: „Teppich ist nicht pflegeleicht.“ Die Idee ist ja nachvollziehbar, und der Architekt möchte sich natürlich auch verwirklichen mit seiner Glasfassade. Aber genau da passieren die Fehler.

Und dann die Sitzordnung! Wenn der Logistiker, der laut mit LKW-Fahrern telefonieren muss, neben der Buchhalterin sitzt, die konzentriert arbeiten muss – das funktioniert einfach nicht. Die dreht durch.

Paul: Kann ich bestätigen. Wir hatten oben 300 Quadratmeter Großraumbüro. Als der Vertrieb drin saß, ging es noch. Dann kam der Online-Bereich rein – Webentwickler, Marketing, Videoproduktion. 18 Leute, Totenstille. Man hat nichts gehört, alle haben geflüstert. Und dann haben wir unseren IT-ler reingesetzt, der auch Vertrieb macht. Das war die Hölle. Wir mussten ihm am Ende einen eigenen Raum bauen.

Jan: Kenne ich. Ich hatte einen ähnlichen Fall – am Ende stellte sich raus, der Kollege trug ein Hörgerät und hatte deshalb Probleme mit dem alten Siemens-Telefon. Statt noch mehr Absorber aufzuhängen, habe ich gesagt: Kauft dem mal ein vernünftiges Headset. Problem gelöst.

30 Prozent weniger Leistung durch schlechte Akustik

Paul: Wie stark beeinflusst schlechte Akustik die Produktivität? 5 Prozent oder eher 30?

Jan: Über 30 Prozent. Das ist eine Faustformel. Wenn man den Herrn Karlheinz Lauble fragen würde, sagt er: um die 30 Prozent weniger Arbeitsleistung. Und das kann man sogar ausrechnen – was da eigentlich an Produktivität verloren geht. Wenn sich jemand nicht konzentrieren kann, sich ständig gestört fühlt am Arbeitsplatz, dann sollte man sich Hilfe holen.

Akustik gehört genauso zur Ergonomie wie ein rückenfreundlicher Stuhl oder ein Stehsitztisch. Und es muss nicht immer teuer sein – man muss es nur in Relation setzen.

Deckensegel: Das beste Preis-Leistungs-Verhältnis

Paul: Wenn ich nur ein kleines Budget habe – was bringt akustisch am meisten pro investiertem Euro?

Jan: Deckensegel. Ganz klar. Die Decke ist meistens die am wenigsten genutzte Fläche, und gleichzeitig die effektivste für akustische Maßnahmen. Da kommt keiner ran, also kann man auch günstigere Materialien einsetzen. Einmal montiert, hast du verhältnismäßig viel Ruhe.

Aber Achtung: Vorher prüfen, ob es eine Kühldecke ist! Wir hatten mal ein Projekt mit Betonkernaktivierung – das ist wie eine Fußbodenheizung in der Decke. Wenn du da reinbohrst, hast du das Wasser laufen.

Paul: Und was ist mit diesen Filzmatten mit Holzlatten, die man überall auf Instagram sieht?

Jan: Optisch super. Akustisch? Sieben Millimeter Filz reichen physikalisch nicht aus, um die relevanten Frequenzen zu absorbieren. Ein Absorber muss mindestens 50 Millimeter dick sein, damit auch die langen Schallwellen gefangen werden. Diese Deko-Elemente bringen ein bisschen was, aber bei einem echten Problem reichen sie nicht.

Hausmittel gegen schlechte Akustik

Paul: Was kann man denn mit Hausmitteln machen, bevor man einen Profi holt?

Jan: Teppich! Das Allerwichtigste. Hochflor, je dicker desto besser. Dann Sofas, Stühle mit dicker Polsterung, eine offene Garderobe statt geschlossenem Schrank. Und ein Bücherregal – das ist ein natürlicher Diffusor, weil die Bücher alle verschieden hoch sind und den Schall brechen.

Was definitiv nicht funktioniert: Eierpappen. Das hat null Effekt. Keine akustische Wirkung, das ist einfach nur Pappe. Aber Molton – also Theaterstoff – der hat wirklich eine akustische Wirkung, wenn man dickes Material nimmt.

Paul: Und Pflanzen?

Jan: Absorbieren tun die nicht wirklich. Aber sie brechen den Schall und lockern den Raum auf. Im Einzelbüro würde ich ihnen eine gewisse Wirkung zusprechen, im Großraumbüro eher nicht.

Vom Tonstudio ins Büro – und was ein Kirchenschiff damit zu tun hat

Paul: Du bist Musiker. Was unterscheidet gute Akustik im Tonstudio von guter Akustik im Büro?

Jan: Die Unterschiede sind gar nicht so groß! Im Studio willst du ein möglichst trockenes Signal für die Aufnahme – oder manchmal bewusst den Raumklang mit einfangen. Ein Schlagzeug aufzunehmen ist die Königsklasse: Jede Trommel muss einzeln mikrofoniert werden, möglichst ohne Übersprechungen. Wir programmieren das Schlagzeug sogar digital nach, weil eine perfekte Aufnahme in einem normalen Raum fast unmöglich ist.

In unserem Proberaum reichen ein Deckensegel und ein Teppich, um den Nachhall in den Griff zu kriegen. Das Prinzip ist das gleiche wie im Büro – Absorption und Diffusion.

Paul: Was war dein krassestes Akustik-Projekt?

Jan: Eine Stadtverwaltung, die in ein altes Kirchenschiff eingezogen ist. Das waren sechs große Kuppeln, ausgelegt dafür, dass der Pastor im 17. Jahrhundert predigt und jeder ihn überall gleich hören kann. Und die haben das als Großraumbüro genutzt! Allein die Berechnung für die Akustik war irre. Das war mit Abstand das Krasseste, was ich je gemacht habe.

Und dann gab es noch diesen Fall mit Rigips-Wänden ohne Dämmung. Eine IT-Firma hatte beim Umbau die Glaswolle weggelassen, um Geld zu sparen. Das Ergebnis: Wenn im Besprechungsraum jemand entlassen wurde, hat der Nachbar jedes einzelne Wort gehört. Unsere Lösung war eine Vollverkleidung mit absorbierendem Material – günstiger als eine nachträgliche Einblasdämmung.

Fazit: Akustik gehört zur Ergonomie

Jan bringt es auf den Punkt: Akustik ist kein Luxus, sondern Teil der Ergonomie. Wer 30 Prozent weniger Produktivität einfach hinnimmt, spart am falschen Ende. Die gute Nachricht: Schon mit einfachen Mitteln – Teppich, offene Regale, ein Deckensegel – lässt sich viel verbessern. Und wer es genauer wissen will, holt sich professionelle Beratung.

Die wichtigsten Takeaways:

  • Deckensegel bieten das beste Preis-Leistungs-Verhältnis bei akustischen Maßnahmen
  • Schlechte Akustik kann die Produktivität um über 30 % senken
  • Hausmittel: Hochflor-Teppich, Sofas, offene Bücherregale, Molton-Vorhänge
  • Deko-Filzmatten mit 7 mm Stärke reichen bei echten Problemen nicht aus
  • Absorber müssen mindestens 50 mm dick sein, um Sprachfrequenzen zu absorbieren
  • Akustik ist genauso wichtig wie ein ergonomischer Stuhl oder Stehschreibtisch

Folge uns bei:

Spotify: Der Büro Experte Podcast
YouTube: Der Büro Experte auf YouTube
Apple Podcast: Der Büro Experte bei Apple Podcasts

Ähnliche Beiträge