Ergonomie

Ergonomie ist die Wissenschaft von der Anpassung der Arbeit an den Menschen. Sie beschäftigt sich damit, wie Arbeitsplätze, Werkzeuge, Maschinen und Abläufe so gestaltet werden, dass sie die körperlichen und geistigen Eigenschaften der Nutzer optimal unterstützen. Ziel ist eine gesunde, sichere und leistungsfähige Arbeit, die langfristig auch Beschwerden, Krankheiten und Fehlern vorbeugt.

Der Begriff stammt aus dem Griechischen (ergon = Arbeit, nomos = Gesetz) und wurde 1857 vom polnischen Wissenschaftler Wojciech Jastrzębowski geprägt. International setzte sich der Begriff in den 1950er Jahren durch, in Deutschland prägte vor allem die Arbeitswissenschaft der 1970er Jahre die heute geläufige Sicht. Die International Ergonomics Association (IEA) unterscheidet drei Hauptdisziplinen, die alle zusammenwirken müssen.

Drei Hauptdisziplinen der Ergonomie Physische, kognitive und organisatorische Ergonomie als Teilbereiche. Drei Disziplinen nach IEA PHYSISCH Körper Haltung, Bewegung, Anthropometrie, Sehen, Hören Möbel, Werkzeuge, Lichtverhältnisse KOGNITIV Kopf Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Entscheidung, Stress Bedienoberflächen, Software, Beschilderung ORGANISATORISCH Struktur Arbeitszeiten, Pausen, Schichten, Teamzusammensetzung Schichtmodelle, Aufgabenzuschnitt Erst alle drei Disziplinen zusammen ergeben einen wirklich ergonomischen Arbeitsplatz Klassifikation nach International Ergonomics Association (IEA) 2000
Wer nur den Stuhl tauscht, hat ein Drittel erledigt. Software und Pausenkultur gehören dazu.

Ergonomische Grundregeln am Bildschirmarbeitsplatz:

  • Sitzhöhe: Oberschenkel waagerecht, Füße flach auf dem Boden, Knie- und Hüftwinkel etwa 90 Grad oder leicht weiter geöffnet.
  • Tischhöhe: 65 bis 85 cm, idealerweise höhenverstellbar zwischen 65 und 125 cm für den Wechsel zum Stehen.
  • Bildschirm: Oberkante in oder leicht unter Augenhöhe, Sehabstand 50 bis 70 cm, leicht nach hinten geneigt.
  • Tastatur und Maus: direkt vor dem Körper, Handgelenke gerade und entspannt, ausreichend Platz vor der Tastatur als Auflage.
  • Beleuchtung: mindestens 500 Lux am Arbeitsplatz, blendfrei, möglichst mit Tageslichtanteil von der Seite.
  • Bewegung: die beste Sitzhaltung ist die nächste, regelmäßiger Wechsel zwischen Sitzen, Stehen und Gehen.

Häufige Folgen schlechter Ergonomie:

Muskel-Skelett-Erkrankungen sind in Deutschland die häufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeitstage und verursachen laut BAuA jährlich Kosten in Milliardenhöhe. Klassische Beschwerdebilder im Bildschirmarbeitsplatz sind Nacken- und Schulterverspannungen, Rückenschmerzen, Sehnenscheidenentzündungen, Augenbeschwerden und Kopfschmerzen. Ergonomische Defizite addieren sich oft schleichend, sodass Beschwerden erst nach Jahren auftreten und dann hartnäckig bleiben. Prävention ist deutlich günstiger als Therapie und Krankenstand.

Rechtliche Vorgaben in Deutschland:

  • Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG): Grundpflicht des Arbeitgebers zur Gefährdungsbeurteilung und Anpassung der Arbeit an den Menschen.
  • Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV): konkrete Anforderungen an Räume, Möbel und Einrichtungen.
  • DGUV Information 215-410: Leitfaden zur Gestaltung von Bildschirm- und Büroarbeitsplätzen, branchenüblicher Standard.
  • DIN EN ISO 9241: Normenreihe zur Ergonomie der Mensch-System-Interaktion mit über 30 Teilen, von Hardware über Software bis zur Beleuchtung.
  • DIN EN 1335: Mindestanforderungen an Büro-Drehstühle.

Ergonomie im Mittelstand:

Im Mittelstand ist Ergonomie oft eine Sache des Einzelfalls. Der Geschäftsführer hat seinen perfekt eingestellten Stuhl, neue Mitarbeiter bekommen das, was übrig ist. Wirtschaftlich sinnvoller ist eine systematische Herangehensweise: regelmäßige Begehung mit der Fachkraft für Arbeitssicherheit, Standardpaket für jeden neuen Arbeitsplatz (höhenverstellbarer Tisch, ergonomischer Stuhl, zwei Monitore, gute Beleuchtung), kurze Einweisung in Sitzhaltung und Bildschirmeinstellung beim Onboarding. Investitionen amortisieren sich meist über reduzierte Krankenstände und höhere Produktivität in zwei bis vier Jahren.

Synonyme:

  • Arbeitswissenschaft
  • Human Factors (englisch)
  • Ergonomik (selten)

Abgrenzung zu:

  • Arbeitsschutz: rechtlicher Rahmen, der Mindestanforderungen sichert, Ergonomie geht in der Regel über das Pflichtmaß hinaus.
  • Arbeitsmedizin: medizinische Betreuung der Beschäftigten, ergänzt Ergonomie um Diagnose und Therapie.
  • Usability / UX: Anwendung der kognitiven Ergonomie auf digitale Produkte und Bedienoberflächen.
  • Designprinzip: Ergonomie ist ein gestalterisches Anliegen, aber nicht nur Ästhetik, sondern messbare Anpassung an den Menschen.

Siehe auch:

Literaturhinweise:

  • DIN EN ISO 9241: „Ergonomie der Mensch-System-Interaktion“, Normenreihe, aktuelle Ausgaben.
  • Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA): „Gesund und sicher am Bildschirm“, Praxisleitfaden, abrufbar unter baua.de.
  • DGUV Information 215-410: „Bildschirm- und Büroarbeitsplätze. Leitfaden für die Gestaltung“.
  • Schmidtke, Heinz: „Handbuch der Ergonomie“, Hanser Verlag, mehrere Bände.
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