Bürostuhl
Definition:
Ein Bürostuhl ist ein drehbarer, höhenverstellbarer Arbeitsstuhl, der speziell für das mehrstündige Sitzen am Schreibtisch konzipiert ist. Er muss anatomisch so gestaltet sein, dass er eine dynamische Sitzhaltung erlaubt, den Rücken entlastet und sich an verschiedene Körpergrößen anpasst. In Deutschland regelt die Norm DIN EN 1335 seit 2000 die Anforderungen an Büro-Drehstühle in drei Typen (A, B, C), wobei Typ A für die umfangreichste ergonomische Ausstattung steht.
Der Bürostuhl ist das am stärksten beanspruchte Möbelstück am Schreibtischarbeitsplatz. Ein Vollzeitbeschäftigter in Deutschland verbringt laut DAK-Gesundheitsreport etwa 9,5 Stunden pro Tag im Sitzen, ein großer Teil davon im Büro. Entsprechend hoch sind die Anforderungen an Materialqualität, Mechanik und Verstellbarkeit. Eine Fehlbesetzung am Stuhl rächt sich sofort: Muskelverspannungen, Bandscheibenbelastung und chronische Rückenschmerzen sind laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) die häufigsten arbeitsbedingten Beschwerden.
Ergonomische Funktionen im Detail:
Sitzhöhe: Nach DIN EN 1335 muss ein Bürostuhl der Kategorie A eine Höhenverstellung von mindestens 40 bis 51 Zentimetern bieten. Richtig eingestellt sind Oberschenkel waagrecht, Füße flach am Boden und im Kniegelenk ergibt sich ein Winkel von etwa 90 Grad.
Sitztiefe: Die Sitzfläche sollte in der Tiefe verstellbar sein oder zumindest so gewählt, dass zwischen Kniekehle und Sitzvorderkante rund zwei Finger Platz bleiben. Zu tiefe Sitzflächen drücken auf die Kniekehle und behindern die Durchblutung.
Lordosenstütze: Eine Wölbung in der Rückenlehne, die die natürliche S-Kurve der Wirbelsäule im Lendenbereich unterstützt. Gute Stühle haben die Lordose in Höhe und oft auch in der Ausprägung verstellbar.
Armlehnen: 3D-Armlehnen lassen sich in Höhe, Breite und Tiefe verstellen, 4D zusätzlich im Winkel. Wichtig: In entspannter Haltung sollen die Ellenbogen im 90-Grad-Winkel auf den Armlehnen ruhen, die Schultern bleiben locker.
Synchronmechanik: Rückenlehne und Sitzfläche kippen gekoppelt, meist im Verhältnis 2:1. Das fördert dynamisches Sitzen, also regelmäßigen Haltungswechsel. Günstige Stühle haben oft nur eine Wippmechanik, was deutlich weniger Effekt hat.
Rollen: Nach DIN EN 12529 muss ein Bürostuhl fünf Rollen haben. Wichtig ist die Abstimmung auf den Bodenbelag: harte Rollen für Teppich, weiche, gummierte Rollen für Parkett, Laminat oder Fliesen, sonst entstehen Kratzer und die Rollen gleiten unkontrolliert.
Typen von Bürostühlen:
- Arbeitsdrehstuhl: Klassischer Bürostuhl für die tägliche Schreibtischarbeit. Das Arbeitspferd nach DIN EN 1335 Typ A, ab 4 Stunden Sitzzeit zwingend.
- Chefsessel: Aufwendigeres Design, oft mit höherer Rückenlehne und Kopfstütze, gerne in Leder. Ergonomisch meist gleichwertig, unterscheidet sich vor allem in Optik und Polsterung.
- Besucherstuhl: Für kurze Nutzung (unter 4 Stunden) gedacht. Meist ohne Rollen, seltener verstellbar. Nicht als Ersatz für den Arbeitsstuhl geeignet.
- Sattelstuhl und Hocker: Fördern eine aktivere Sitzhaltung, weil Hüfte und Rumpf kontinuierlich stabilisieren. Sinnvoll als Ergänzung, nicht als einziger Stuhl.
- Sitzball und Wackelhocker: Trainieren die Rumpfmuskulatur, bieten aber keine Rückenstütze. Als alleiniger Bürostuhl nicht empfehlenswert, als Abwechslung für ein bis zwei Stunden am Tag sinnvoll.
- Gaming-Chair: Optisch an Sportsitze angelehnt, ergonomisch meist schwächer als echter Bürostuhl. Schmale Sitzfläche, starre Formgebung. Kein Ersatz für DIN EN 1335 Typ A.
Auswahlkriterien:
Rechtlicher Rahmen und Arbeitsschutz:
Arbeitgeber sind nach § 3 ArbSchG und der Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV) verpflichtet, Arbeitsplätze ergonomisch zu gestalten. Für Bildschirmarbeitsplätze konkretisiert die DGUV Information 215-410 die Anforderungen. Bei Verletzung dieser Pflichten drohen nicht nur Beschwerden der Berufsgenossenschaft, sondern auch Regressansprüche, wenn dauerhafte Schäden entstehen. Ein Bürostuhl der DIN EN 1335 Typ A ist für Bildschirmarbeitsplätze faktisch der Standard.
Steuerlich zählt ein Bürostuhl zum Anlagevermögen und wird über die betriebsgewöhnliche Nutzungsdauer abgeschrieben, bei hochwertigen Modellen in der Regel über 13 Jahre (AfA-Tabelle). Unterhalb der GWG-Grenze von 800 Euro netto kann er auch sofort abgeschrieben werden.
Praxis im KMU:
In kleineren Unternehmen wird am Stuhl gerne gespart, was sich nach zwei bis drei Jahren rächt: Die Gasdruckfeder ist hinüber, die Polsterung durchgesessen, die Mechanik klemmt. Wirtschaftlich gerechnet sind 500 bis 900 Euro für einen guten Arbeitsstuhl über zehn Jahre günstiger als alle drei Jahre ein 200-Euro-Modell. Testsitzen im Fachhandel ist der mit Abstand wichtigste Schritt, weil sich Sitzkomfort aus keinem Prospekt ablesen lässt.
In der umfangreichen Bürostuhl-Auswahl mit ergonomischen Modellen aller bekannten Marken lassen sich verschiedene Stuhltypen und Preisklassen direkt vergleichen, von Einsteigermodellen bis zu Premium-Stühlen mit voller ergonomischer Ausstattung.
Relevanz im Arbeitsalltag:
Der Bürostuhl ist das ergonomisch sensibelste Möbelstück am Schreibtisch. Wer acht Stunden auf einem schlecht eingestellten Stuhl sitzt, merkt das innerhalb weniger Monate im Rücken, Nacken oder in den Schultern. Gleichzeitig ist der Stuhl der Hebel mit dem besten Verhältnis aus Kosten und Wirkung: Eine Investition von wenigen hundert Euro verhindert Krankheitstage, Konzentrationsverluste und oft auch Unzufriedenheit mit dem Arbeitsplatz. In einer durchdachten Büroplanung werden Stuhl, Schreibtisch, Monitor und Licht als zusammenhängende ergonomische Einheit ausgewählt.
Synonyme:
- Schreibtischstuhl
- Arbeitsstuhl
- Drehstuhl
- Bürodrehstuhl
- Chefsessel (als Variante)
Abgrenzung zu:
- Gaming-Chair: Autositz-Optik, meist schmalere Sitzfläche, eingeschränkte ergonomische Verstellbarkeit. Keine Alternative zum DIN EN 1335 Typ A für Ganztagesarbeit.
- Besucherstuhl: Für kurze Sitzdauer ausgelegt, selten verstellbar, meist ohne Rollen.
- Konferenzstuhl: Mittelklasse zwischen Arbeits- und Besucherstuhl, für mehrstündige Meetings geeignet.
- Stehhilfen und Sattelhocker: keine Bürostühle im engeren Sinn, sondern ergänzende Sitzgelegenheiten am Stehschreibtisch.
Siehe auch:
- Ergonomie
- Ergonomische Stühle
- Besucherstühle
- Besprechungsstühle
- Arbeitsplatz
- Computerarbeitsplatz
- Arbeitsschutzgesetz
Literaturhinweise:
- DIN EN 1335: Büromöbel, Büro-Arbeitsstuhl. Beuth Verlag, 2020.
- DIN EN 12529: Doppelrollen für Bürostühle.
- Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV): Information 215-410 Bildschirm- und Büroarbeitsplätze.
- Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA): Gesundheit im Büro. Dortmund, aktuelle Ausgabe.
- DAK-Gesundheitsreport, jährliche Ausgabe.
