Burnout trifft die Fleißigen: Warnsignale, Stress und gute Führung (Podcast Folge 34)

Burnout klingt für manche immer noch nach Modewort. Für Mona Mescher ist es genau das nicht. In Folge 34 spricht Paul mit der Stressmanagement-Expertin aus Dresden darüber, warum Burnout oft gerade die Fleißigen trifft, welche Signale im Büro sichtbar werden und weshalb ein Obstkorb allein noch keine Prävention ist.

Mona Mescher und der Blick auf Stress

Paul: Mona, schön, dass du da bist. Ich starte ja immer mit einer Frage, die nie auf meinem Zettel steht: Was war dein erstes Büro?

Mona: Mein erstes Büro war als Auszubildende in einem Reitsportgeschäft, altenglisch eingerichtet. Da habe ich noch echte Überweisungen mit der Hand geschrieben.

Paul: Krass. Und wie ging es dann weiter?

Mona: Ich komme ursprünglich aus der Wirtschaft, habe im Einzelhandel gearbeitet, später lange einen Jack-Wolfskin-Store in Hannover geleitet. Dann war ich mit meiner Familie drei Jahre in China, danach sind wir nach Dresden gekommen. Dort habe ich gemerkt, dass ich noch einmal andere Wege gehen kann. Ich habe Psychologie studiert, eine Ausbildung zur Stressmanagement-Trainerin gemacht und eine dreijährige systemische Ausbildung abgeschlossen. Daraus ist jetzt meine Praxis in Dresden-Striesen entstanden.

Paul: Und damit sind wir eigentlich direkt beim Thema. Burnout. Viele machen Witze darüber oder verharmlosen es. Was stimmt an diesem Schubladendenken nicht?

Burnout ist nicht einfach Schwäche

Mona: Der Begriff Burnout ist komplex. Von außen wirkt es manchmal so, als wäre jemand von heute auf morgen weg. Krankgeschrieben, raus, nicht mehr da. Aber wenn man genauer hinschaut, gibt es vorher Hinweise. Erschöpfung ist oft schwer zu sehen, weil Menschen lange versuchen, ihr Gesicht zu wahren und Leistung zu bringen. Sichtbarer ist eher diese Distanzierung vom Beruf, manchmal auch Zynismus. Das ist tatsächlich eine Dimension, an der Burnout gemessen wird.

Paul: Dieses Vorurteil gibt es ja trotzdem: Früher gab es das nicht, der drückt sich bloß, die Leute sind nicht mehr belastbar.

Mona: Menschen, die so denken, sind manchmal selbst stärker gefährdet, weil dahinter oft ein sehr hartes Negativdenken steckt. Burnout ist im Grunde eher die fleißige Variante, krank zu werden. Man hat sich vorher sehr angestrengt. Das unterscheidet es auch von einer Depression, die noch einmal anders zu fassen ist. Bei Burnout spielt der Arbeitskontext eine zentrale Rolle.

Paul: Also nicht: jemand hat keine Lust mehr. Sondern: jemand hat zu lange versucht, zu funktionieren.

Mona: Genau. Es geht um Stress, Anpassungsschwierigkeiten und darum, dass die Waage irgendwann kippt. Wenn du ständig Cortisol und Adrenalin ausschüttest und das nicht abbaust, macht das etwas mit dir. Herzrasen, schwitzige Hände, Nacken- und Rückenschmerzen, Schlafprobleme. Klassiker ist: Du wachst nachts um vier auf und sofort schießen Arbeitsgedanken rein.

Warum es oft die Engagierten trifft

Paul: Warum fällt das so spät auf? Oft sind das ja gerade Leute, die richtig ackern.

Mona: Weil mehrere Dinge zusammenkommen. Die Arbeitswelt ist komplexer geworden. Digitalisierung, ständige Erreichbarkeit, Teams-Chats, Mails, Unterbrechungen. Nach jeder Unterbrechung brauchst du wieder Zeit, um in deine Konzentration zurückzufinden. Dazu kommen Arbeitsbedingungen: unklare Rollen, scharfer Ton, schlechte Fehlerkultur oder Kommunikation, die nicht gut funktioniert.

Paul: Und dann kommt noch der eigene Anspruch dazu.

Mona: Genau. Der Stressreport der Techniker Krankenkasse hat gezeigt: Ein sehr großer Stressfaktor ist der eigene Anspruch an die eigene Arbeit. Menschen, die gewissenhaft sind, sehr harmonisch sein wollen und denen wichtig ist, was andere von ihnen denken, sagen schwerer Nein. Wenn dann noch Perfektionismus dazukommt, läuft das Programm einfach ab: Ich muss liefern, ich muss gefallen, ich muss es richtig machen.

Paul: Das kenne ich aus Teams. Manche Menschen können eine Aufgabe nicht einfach zu 80 Prozent lösen und weitergehen. Die wollen es sauber, perfekt, vollständig. An sich ist das ja etwas Gutes.

Mona: Ja, Gewissenhaftigkeit ist nichts Schlechtes. Ungünstig wird es in der Kombination. Wenn ich nicht Nein sagen kann, wenn ich nicht delegiere, wenn ich Harmonie brauche und wenn ich sehr abhängig davon bin, wie andere mich sehen, dann kann ich in eine Abwärtsspirale kommen. Am Anfang ist da noch das Selbstbild: Ich bin die Person, die alles schafft. Später fühlt es sich eher so an: Alle laden bei mir ab, und ich komme nicht mehr hinterher.

Warnsignale im Büro und zu Hause

Paul: Woran kann man es denn erkennen, wenn jemand selbst noch gar nicht merkt, was passiert?

Mona: Ein sichtbares Signal ist Rückzug. Jemand war früher immer an der Kaffeemaschine dabei, geht mit den anderen rauchen oder spricht im Team mit. Und plötzlich zieht sich diese Person zurück. Dazu kann Gereiztheit kommen, Sarkasmus, Zynismus, eine Distanz zum Job. Oder erste kurze Krankschreibungen, vielleicht immer wieder rund ums Wochenende. Das sollte man nicht sofort falsch interpretieren.

Paul: Also nicht gleich: Der will nur verlängertes Wochenende machen.

Mona: Genau. Es kann auch ein Versuch sein, sich irgendwie zu regenerieren. Von innen fühlt es sich oft anders an. Viele sind so in ihrem Film, dass sie nicht merken, wie sehr sie schon auf Verschleiß laufen. Ein Warnsignal kann sein: Ich komme nach Hause, rolle mich aufs Sofa, Fernseher an, Handy in die Hand, aber echte Erholung passiert nicht. Oder ich gehe meinen Hobbys nicht mehr nach, obwohl sie mir früher Energie gegeben haben.

Paul: Das fand ich stark: die Frage, was mir Energie gibt und was Energie zieht. Bei mir wären das Imkerei oder Bogenschießen.

Mona: Genau. Bei mir ist es Paddeln. In der Natur bewertet dich nichts. Wenn ich merke, ich mache das alles nicht mehr, ich treffe keine Freunde mehr, ich schlafe schlecht, wache nachts um zwei, drei oder vier auf, dann ist das ein guter Moment, mit einem Arzt oder einer Fachperson zu sprechen.

Was Führungskräfte tun können

Paul: Für Führungskräfte ist das schwierig. Zwei Menschen haben den gleichen Job, den gleichen Chef, den gleichen Druck. Einer kommt klar, der andere nicht. Dann denkt man schnell: Warum schafft A das und C nicht?

Mona: Gute Führungskräfte fragen wenigstens. Sie sagen nicht einfach: Low Performer, raus. Menschen haben unterschiedliche Persönlichkeiten, unterschiedliche Stressverstärker und unterschiedliche Glaubenssätze. Der eine lässt Dinge an sich abperlen, der andere nimmt sie mit nach Hause und liegt nachts wach.

Paul: Und manchmal macht man als Führungskraft sogar das Falsche, obwohl man helfen will. Man bietet einen Effizienz-Kurs an, weil jemand den Berg nicht schafft, und erzeugt damit noch mehr Druck.

Mona: Genau. Deshalb ist Kultur so wichtig. In manchen Firmen fällt so etwas eher auf, in anderen laufen Menschen einfach im Getriebe mit. Führungskräfte brauchen Mut, ihre Beobachtung anzusprechen. Nicht als schweres Personalgespräch, sondern menschlich: Mir fällt auf, dass du dich zurückziehst, gereizt bist, viele Überstunden machst oder öfter krank bist. Was ist los? Wollen wir mal in Ruhe sprechen?

Paul: Man muss also nicht Therapeut sein, aber man darf das Thema nicht aus Scham umgehen.

Mona: Genau. Es gibt auch mentale Ersthelfer-Ausbildungen. Menschen, die lernen, solche Themen niedrigschwellig anzusprechen, zuzuhören und keine Angst vor Tränen oder Überforderung zu haben. Sie müssen das Problem nicht lösen. Aber sie können einen sicheren Raum öffnen.

Prävention: mehr als Obstkorb und Yoga

Paul: Was kann ein Unternehmen präventiv tun? Sport, Bewegung, Pausen?

Mona: Bewegung hilft, weil Stresshormone über Bewegung abgebaut werden. Spazieren, Radfahren, Schwimmen, Laufen. Es muss nicht gleich Joggen sein. Aber der Obstkorb allein hilft nicht, und das Yogaangebot allein auch nicht. Nett, ja. Aber entscheidend ist eine vertrauensvolle Arbeitsumgebung und gute Kommunikation.

Paul: Und für die Person selbst?

Mona: Sich klarzumachen: Ich bin heute erwachsen und muss Verantwortung für mich übernehmen. Früher haben im besten Fall Mama oder Papa gesagt: Ruh dich aus. Im Erwachsenenleben muss ich selbst auf Warnsignale hören. Wieder Freunde treffen, an die Elbe gehen, wandern, singen, paddeln, grillen, irgendetwas tun, das die eigene Batterie auffüllt. Und lernen, freundlich Nein zu sagen.

Paul: Das ist vielleicht der wichtigste Punkt: Nicht erst warten, bis der Schalter komplett aus ist.

Mona: Ja. Wenn jemand schon zu Hause sitzt, bewegungsunfähig ist, vielleicht den ganzen Abend weint und gar nicht mehr aufstehen kann, dann ist es sehr spät. Je früher man hinschaut, desto besser.

Das bleibt aus Folge 34 hängen

Burnout trifft nicht nur Menschen, die angeblich zu schwach sind. Oft trifft es Menschen, die lange besonders engagiert, gewissenhaft und pflichtbewusst waren. Sichtbare Warnsignale können Rückzug, Gereiztheit, Zynismus, Schlafprobleme, kurze Krankschreibungen und der Verlust von Hobbys oder sozialen Kontakten sein. Für Unternehmen reicht oberflächliche Prävention nicht aus. Entscheidend sind gute Kommunikation, Vertrauen, klare Rollen, eine gesunde Fehlerkultur und Führungskräfte, die Beobachtungen früh und menschlich ansprechen.


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