Halbe Million Umsatz, null Gehalt: Was Gründen wirklich kostet (Podcast Folge 45)

Fast eine halbe Million Euro Umsatz im ersten halben Jahr – und trotzdem kein Gehalt auf dem Konto. In Folge 45 spricht Paul mit Martin Haake, Mitgründer und Geschäftsführer der PackxSo GmbH in Dresden, über den Sprung vom Angestellten zum Unternehmer. Es geht um ein erstes Büro mit 25 Quadratmetern, 124 Seiten Verpackungsverordnung für einen Pappkarton, einen teuren Fehler bei den eigenen Gehältern und die Frage, wie aus Erfahrungen mit schlechter Führung später ein eigener Führungsstil wird. Das Gespräch wurde für diesen Beitrag gekürzt und redaktionell bearbeitet.

25 Quadratmeter, zwei gebrauchte Schreibtische und das Gefühl: Das ist jetzt unseres

Paul: Martin, bevor wir über Umsätze und Gründungsfehler sprechen: Wie sah eigentlich dein erstes eigenes Büro aus?

Martin: Ach du Himmel. Das war Mitte 2023 in einer Baufirma, ein Raum mit ungefähr 25 Quadratmetern. Vorher hatte dort ein Bodenleger gesessen, deshalb war der Boden rot, grau und grün, gefühlt jede Fußleiste anders. Wir haben herumgefragt, wer noch einen Schreibtisch übrig hat, und dann standen da zwei riesige gebrauchte Tische. Auf einem davon lag ganz verloren ein Laptop. Ablageschütten hatten wir auch schon – obwohl wir nicht einmal einen Drucker besaßen.

Paul: Klingt nicht gerade nach Hochglanz-Startup. Aber wie hat es sich angefühlt?

Martin: Schön. Wirklich schön. Du wusstest: Alles, was hier drin steht, ist unseres. Vorher hatte ich im Homeoffice auf dem Dachboden gearbeitet, weil ich beim Telefonieren so laut bin, dass meine Frau irgendwann eine Lösung brauchte. Ich habe eine Arbeitsplatte an Aluminiumprofile geschraubt, den schweren Drucker daraufgestellt – und kurz danach knackte es schon. Im Sommer war es schweinewarm, im Winter eiskalt. Dagegen waren die 25 Quadratmeter purer Luxus.

Paul: Was hast du über Selbstständigkeit erst verstanden, als du selbst Unternehmer warst?

Martin: Diese Entscheidungsgewalt war am Anfang fast verrückt. Du brauchst einen Laptop? Dann kaufst du einen. Niemand muss drei Freigaben erteilen. Gleichzeitig nimmt dir aber auch niemand mehr etwas ab. Wenn ein Brief vom Anwalt kommt oder eine schwierige Entscheidung ansteht, kannst du nicht mehr sagen: „Chef, kümmer dich mal.“ Freiheit und Verantwortung kommen immer zusammen.

124 Seiten Vorschrift für einen Pappkarton

Paul: Ihr entwickelt Verpackungen aus Wellpappe und Folie. Von außen denkt man schnell: Karton ist Karton. Was hängt tatsächlich daran?

Martin: Sehr viel mehr, als man glaubt. Kunden bringen uns ein Produkt, und wir konstruieren eine passende Verpackung oder optimieren bestehende Lösungen. Dazu kommen Maschinen, Ladeeinheiten, Folienreduzierung und inzwischen enorm viel Dokumentation. Die neue europäische Verpackungsverordnung PPWR betrifft praktisch alle, die Verpackungen in Verkehr bringen.

Paul: Du sagst im Gespräch ziemlich deutlich, dass euch das Thema erwischt hat.

Martin: Ja, weil ich am Ende eine fünfseitige Dokumentation für einen Pappkarton erstelle. Sinngemäß steht darin: Ich bin aus Pappe und gehöre in die blaue Tonne. Vorher musst du aber unter anderem erklären, dass Grenzwerte eingehalten werden und bestimmte Stoffe nicht enthalten sind. Wir haben rund 10.000 Euro für Beratung ausgegeben, weil wir intern zu unterschiedlichen Ergebnissen kamen. Das Ziel – Material und Entsorgung verständlich zu machen – ist sinnvoll. Aber der Weg dahin besteht aus 124 Seiten Beamtendeutsch.

Paul: Genau solche Dinge fehlen auf der berühmten Liste „Das könnte ich doch auch selbst machen“.

Martin: Exakt. Wer gründen will, sollte nicht nur auf das Produkt schauen. Schreib auf, welche Prozesse, Zertifikate, Lieferanten, Kenntnisse und Risiken dahinterstehen – und zieh dann ehrlich einen Strich darunter. Mut gehört dazu, aber eben auch das Wissen, worauf man sich einlässt.

Unternehmertum in acht Stunden? Am Anfang kaum

Paul: Ist Unternehmertum mit einem normalen Achtstundentag vereinbar, oder erzählt man sich da etwas vom Pferd?

Martin: Später kannst du dein Unternehmen so strukturieren, dass acht oder vielleicht sogar sechs Stunden reichen. In den ersten Jahren hängt aber fast alles an dir. Du bist gedanklich ständig bei der Firma, weil du sie mit deiner Leidenschaft und deinem Risiko aufbaust. Bei mir hält meine Frau mir dabei den Rücken frei, aber wir sprechen auch klar ab, wann Schluss ist. Eine Partnerschaft bleibt eben eine Partnerschaft.

Paul: Bei mir galt von Anfang an die Regel: Um 18 Uhr bin ich zu Hause, damit wir gemeinsam Abendbrot essen. Danach konnte ich notfalls noch einmal an den Rechner, aber dieser feste Punkt war wichtig. Und auch gemeinsame Hobbys darf man nicht einfach wegarbeiten – sonst lebt man irgendwann nur noch nebeneinander.

Martin: Genau. Es gibt nicht die perfekte Lösung für alle. Aber ohne Grenzen wird aus Begeisterung schnell Dauerbetrieb. Und wenn der Betrieb wächst, brauchst du Prozesse und Menschen, die Verantwortung übernehmen. Sonst bleibt jede Kleinigkeit am Geschäftsführer hängen.

Halbe Million Umsatz, null Gehalt: der teure Gründungsfehler

Paul: Du würdest wieder gründen. Was würdest du mit dem Wissen von heute anders machen?

Martin: Hundertprozentig würde ich es wieder tun. Aber ich würde die Marke noch gründlicher prüfen lassen. Wir hatten direkt nach der Gründung einen Markenrechtsstreit, obwohl wir vorher recherchiert hatten. Und ich würde nicht zwingend sofort mit einer GmbH starten. Wir wollten damit vor allem unsere Familien schützen. Als wir wegen des schnellen Wachstums den ersten Kredit brauchten, sagte die Bank aber sinngemäß: Schön, dass ihr eine GmbH habt – für das Darlehen haftet ihr trotzdem persönlich.

Paul: Der Titel der Folge klingt erst einmal widersprüchlich: fast eine halbe Million Euro Umsatz und trotzdem kein Gehalt. Wie kam es dazu?

Martin: Wir haben im ersten halben Jahr knapp eine halbe Million Euro Umsatz gemacht. Gleichzeitig hatte die GmbH kaum laufende Kosten: rund 520 Euro Raummiete, etwas Sprit, später zwei Autos, aber keine Gehälter und keine große Lagerfläche. Also blieb auf dem Papier viel Gewinn. Wir hatten unser Kapital in die Firma gesteckt und zahlten unseren privaten Lebensunterhalt aus dem eigenen Sparkonto. Im Grunde überwiesen wir unser bereits versteuertes Geld vom Sparkonto aufs Girokonto – und ließen das Unternehmen Gewinne versteuern. Das war dumm.

Paul: Und im letzten Quartal einfach rückwirkend mehr Gehalt auszahlen ging nicht?

Martin: Nein. Bei einer GmbH kann eine kurzfristige Gehaltserhöhung schnell als verdeckte Gewinnausschüttung gelten. Solche Dinge musst du sauber und frühzeitig mit dem Steuerberater planen. Wir hätten uns einfach früher ein angemessenes Gehalt zahlen sollen. Stattdessen haben wir uns privat fast blank gemacht und sogar Geld, das eigentlich für den Hausbau gedacht war, in die Firma gesteckt. Das war ein teures, aber sehr klares Learning.

Vom Obi-Verkäufer zur eigenen Führungskultur

Paul: Welche Erfahrung als Angestellter hat dich so geprägt, dass du heute als Chef bewusst anders führst?

Martin: Ich habe bei Obi Einzelhandelskaufmann gelernt und wollte später unbedingt in den Außendienst. Die Vertreter kamen mit großen Autos und schicken Uhren in den Markt – das sah natürlich spannend aus. Über eine Verpackungsfirma bin ich dann tatsächlich in den Vertrieb gerutscht. Später ließ ich mich von einem Headhunter mit mehr Geld locken. Das war ein Fehler: Ich brachte im ersten Jahr mehr als eine Million Euro Neuumsatz, aber es war nie genug. Entscheidend war nicht das Potenzial der Kunden, sondern ob ich eine bestimmte Zahl an Besuchen vorweisen konnte.

Paul: Also viel Kontrolle, wenig Vertrauen?

Martin: Genau. Später ging ich für weniger Gehalt zu einem griechischen Folienhersteller, weil ich mich dort entwickeln durfte. Mein damaliger Chef hat mich ständig mit neuen Tools genervt – heute bin ich selbst genauso. Zwei Sätze von ihm sind hängen geblieben: „Einfach ausprobieren“ und: „Martin, wenn du heute Geschäftsführer wirst, verliere ich meinen besten Verkäufer und gewinne einen schlechten Geschäftsführer.“ Damals hatte er recht. Fachlich gut zu sein heißt noch lange nicht, gut führen zu können.

Paul: Was bedeutet das heute konkret für deine Leute?

Martin: Im Außendienst muss sich niemand dafür rechtfertigen, ob er fünf, zehn oder zwanzig Kunden besucht hat. Wenn das Ergebnis stimmt, zählt nicht, wie oft jemand Kaffee getrunken hat. Ich bin ansprechbar und helfe bei Problemen, aber ich kontrolliere nicht jede Bewegung. Und wenn jemand etwas braucht, das die Arbeit besser oder angenehmer macht, bestellen wir es. Homeoffice heißt bei uns nicht Laptop am Küchentisch: Dockingstation, zwei Bildschirme und auf Wunsch ein ergonomischer Stuhl gehören dazu.

Paul: Gleichzeitig klingt euer Team nicht nach steifer Vorstandsetage.

Martin: Überhaupt nicht. Wir lachen viel, reden offen und stehen füreinander ein. Wenn ein Kunde eine Mitarbeiterin privat beleidigt, schützen wir sie. Und wenn Lieferanten wieder einmal ohne Nachricht zu spät liefern, hilft manchmal die Stummtaste, um kurz Druck abzulassen. Danach wird professionell weitergesprochen und eine Lösung gesucht. Dieses menschliche Miteinander ist kein Gegensatz zu guter Arbeit – es ist oft die Voraussetzung dafür.

Was bleibt aus Folge 45 hängen?

Paul: Wenn jemand nach dieser Folge ernsthaft über eine Gründung nachdenkt – was sollte er mitnehmen?

Martin: Schau hinter das Produkt. Rechne Prozesse, Bürokratie, Kapital und privates Risiko ehrlich mit ein. Plane dein eigenes Gehalt von Anfang an sauber und lass dich bei Rechtsform und Steuern beraten. Und wenn du später Mitarbeiter führst, miss nicht Beschäftigung, sondern Ergebnisse. Freiheit funktioniert nur mit Verantwortung – aber ohne Vertrauen funktioniert sie gar nicht.

Takeaway: Schnelles Wachstum ist noch kein privater Wohlstand. Wer gründet, braucht neben Mut vor allem saubere finanzielle Planung, klare Grenzen und eine Führungskultur, in der Menschen Verantwortung übernehmen können.


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