Was passiert, wenn ein IT-Mensch aus Dresden alles verkauft, nach Australien geht und dort weiter für deutsche Kunden arbeitet? In Folge 40 spricht Paul mit Ringo Gierth, IT-Freelancer und langjähriger technischer Partner von Büromöbel Experte, über genau diesen Weg: Auswandern, Visum, Selbständigkeit, Netzwerk, Steuern, Zeitzonen und die Frage, was vom festen Job manchmal doch fehlt.
Paul: Willkommen beim Büroexperte Podcast. Heute mit einem super spannenden Gast. Man könnte ihn auch Känguru nennen. Unser Australier ist da: Ringo. Er ist einer unserer Freelancer, arbeitet für unsere Shopsysteme und ist gerade in Deutschland zu Besuch. Ich habe ihn direkt für zwei Podcast-Folgen verhaftet, weil er eine Geschichte mitbringt, die für viele interessant sein dürfte: Deutscher IT-Freelancer, ausgewandert nach Australien, und trotzdem eng verbunden mit Kunden in Deutschland.
Ringo: Vielen Dank auch. Ja, hallo. Es ist mein erster Podcast, ich bin noch ein wenig nervös, aber ich bin gespannt.
Paul: Die erste Frage stelle ich immer: Was war dein erster Arbeitsplatz und wie sah der aus?
Ringo: Dienstlich war das ein Großraumbüro bei einer Firma in Dresden. Wir hatten 13 Schreibtische und wahrscheinlich 15 Mitarbeiter. Zwei mussten stehen. Heute würde man wahrscheinlich anders über Ergonomie sprechen, aber damals gab es Schreibtisch, Stuhl, vier Monitore, und in der IT war das irgendwie normal. Das war 2007.
Paul: Heute soll es um Freelancer sein und Auswandern gehen. Viele, die zuhören, arbeiten im Büro. Vielleicht hat sich der eine oder andere schon mal gefragt: Kann ich ein paar Monate woanders arbeiten? Kann ich auswandern? Oder kann ich mich selbständig machen? Was war bei dir der Moment, in dem du entschieden hast: Ich gehe weg und mache mein eigenes Ding?
Ringo: Die Idee war ehrlich gesagt fremdgesteuert. Meine damalige Freundin lebte in Australien, wir sind immer hin und her geflogen, und auf Dauer war das anstrengend. Also haben wir gesagt: Wir schauen mal, in welchem Land es uns besser geht. Sie war sechs Monate in Deutschland, aber als Tauchlehrerin fehlt dir hier eben der Ozean. Die Elbe ist da kein Ersatz.
Paul: Und Selbständigkeit war da schon der Plan?
Ringo: Nicht als großes Hauptthema. Ich war angestellt bei einem großen Technologieunternehmen in Deutschland, hatte aber nebenbei schon eine Selbständigkeit aufgebaut und auch für Büromöbel Experte in der IT mitgearbeitet, um Shopplattformen aufzubauen. Mit diesem Grundwissen bin ich dann nach Australien ausgewandert. Ich habe hier alles verkauft, hatte ein kleines Polster, und das wurde dann sofort vom Visum aufgefressen. Wenn du auf der anderen Seite der Welt ankommst, in einem fremden Land und mit einer fremden Sprache, ist erstmal alles überwältigend.
Visum, Brückenvisum und die erste Unsicherheit
Paul: Du bist also angekommen. Konntest du direkt arbeiten?
Ringo: Nein. Am Anfang durfte ich schlicht nicht arbeiten. Ich bin mit einem Touristenvisum eingereist, und als Tourist darfst du im fremden Land nicht arbeiten. Dieses Visum war auf drei Monate begrenzt. Wenn du in dieser Zeit ein dauerhaftes Aufenthaltsvisum beantragst, bekommst du irgendwann ein Brückenvisum. Ab dann darfst du arbeiten, fast so, als wärst du Australier. Du hast Rechte und Pflichten, darfst nur nicht wählen.
Paul: Hattest du dich vorher auf einen Job in Australien vorbereitet?
Ringo: Ja, ich hatte in Deutschland schon Bewerbungsunterlagen auf Englisch vorbereitet. Zeugnisse waren übersetzt, alles war fertig. Ich hätte Firmen anschreiben können und wahrscheinlich auch etwas gefunden. Aber ich hatte Schiss: andere Sprache, andere Menschen, anderes Land. Und dann war genau dieser Moment da, an dem ich gesagt habe: Jetzt ist ein guter Zeitpunkt für den Schnitt vom Angestelltenverhältnis in die Selbständigkeit.
Paul: Und deine ersten Kunden saßen gar nicht in Australien.
Ringo: Genau. Ich habe mit Kunden gearbeitet, die ich schon kannte. Mit euch zum Beispiel. Dann kam mein alter Arbeitgeber dazu, der Projekte weitergeführt haben wollte. Später meldete sich noch ein früherer Kollege, der für ein Startup jemanden im Bereich DevOps brauchte. Die hatten Standorte in Amerika, Oslo und Deutschland und brauchten jemanden für Server, Rechenzentren, Infrastruktur. Also nicht Enduser-Support, sondern genau das, was ich schon immer gemacht habe. So lief das relativ schnell an.
Warum Netzwerk mehr zählt als jedes Zeugnis
Paul: Was waren die schwereren Schritte? Der Wechsel vom Angestellten zum Freelancer war wahrscheinlich leichter, weil du es nebenbei schon gemacht hattest. Aber wo waren die Stolpersteine?
Ringo: Netzwerk ist das A und O. Wenn du in einem anderen Land ankommst, niemand kennt dich, niemand vertraut deinen Fähigkeiten, und du konntest noch nie beweisen, was du kannst, dann ist es schwerer, Projekte zu finden. Dann bist du auf Ausschreibungen angewiesen. Ich habe auch ein, zwei australische Ausschreibungen mitgemacht, aber die Leute ticken anders. Man macht ein Angebot, dann passiert erstmal nichts, weil das Projekt gerade keine Priorität hat. Und plötzlich kommt eine Zusage, wenn man gerade vier Wochen in Deutschland ist. Dann heißt es: Schade, dann macht es jemand anders.
Paul: Also hast du dich auf Kunden konzentriert, die dich schon kannten.
Ringo: Ja, eher auf den europäischen Markt und teilweise auf den US-Markt. Mein großer Vorteil ist: Wenn ich morgens um sieben, acht oder neun Uhr anfange zu arbeiten, ist es in Deutschland ein, zwei oder drei Uhr nachts. Ihr schlaft. Ich kann Systeme auseinandernehmen, runterfahren, hochfahren, umbauen, und wenn ihr morgens anfangt, funktioniert in 99,9 Prozent der Fälle alles wieder. Solange keine Hardware vor Ort angefasst werden muss, ist die Zeitzone ein riesiger Vorteil.
Firma gründen in Australien: online geht viel, Steuern bleiben Arbeit
Paul: Hat dir der Staat Probleme gemacht? Gab es Stellen, bei denen du dachtest: Da hätte ich mich besser vorbereiten müssen?
Ringo: Eine Firma zu gründen ist in Australien sehr klar beschrieben. Du arbeitest die Schritte ab, alles online, und bekommst am Ende deine Australian Business Number. In Deutschland gehst du gefühlt noch irgendwo hin und füllst Zettel aus. In Australien ist wegen der Entfernungen sehr viel digitaler organisiert. Der interessantere Punkt sind Steuern und Regeln: Was darf man wie machen? Was muss man wie machen? Das ändert sich, und du musst hinterher sein.
Paul: Also lieber nicht einfach drauflos?
Ringo: Ich würde immer empfehlen: Sucht euch einen Steuerberater, der Ahnung von eurem Bereich hat. Wenn ihr IT-Freelancing macht, dann jemanden, der sich damit auskennt. Ich hatte Glück und jemanden gefunden, der sogar Deutsch spricht. Wir haben uns zusammengesetzt, die Struktur überlegt, die Firma geplant, und so sind wir das gegangen. Ich bereite die Steuererklärung vor, er macht die Details und gibt es ans Finanzamt. Das spart Zeit, die man eigentlich in Projekte stecken will.
Australien, Alltag und die Sache mit den guten Wellen
Paul: Kommt man dort gesellschaftlich gut an? Oder gibt es eher Hürden?
Ringo: Australien ist ein absolutes Multikulti-Land. Da kommen Menschen von überall her, und dadurch wird man relativ einfach akzeptiert. Die Offenheit ist anders als in Deutschland. Mein Lieblingsbeispiel ist die Ampel: In Deutschland stehst du da, guckst nach vorne und wartest, bis es grün wird. In Australien spricht dich jemand an und fragt, wie dein Tag ist oder wo du hin willst. Einfach, um die Zeit nicht sinnlos totzuschlagen.
Paul: Das klingt entspannter.
Ringo: Ist es auch. Wir hatten Solar auf dem Haus installieren lassen. Der Solarbauer sollte morgens um acht kommen und schrieb um halb acht eine SMS: Ich komme heute nicht, die Wellen sind zu gut, ich gehe surfen. Und dann sagst du: Okay, kommst du morgen. In Deutschland würde sich das wahrscheinlich keiner trauen, und der Kunde würde austicken. Dort nimmt man sich eher die Freiheit, das Leben zu genießen. Hinten raus wird die Arbeit schon erledigt, aber der Umgang ist ein anderer.
9.000 Euro fürs Visum und der Blick aufs Konto
Paul: Geld ist am Anfang ja trotzdem ein Thema. Irgendwann ist das Ersparte aufgebraucht. Wann konntest du wieder durchatmen?
Ringo: Das hatte sehr viel Stresspotenzial. Ich bin angekommen, und ungefähr 80 Prozent meines Puffers gingen in die Visumskosten. Am Ende habe ich etwa 9.000 Euro bezahlt, damit ich dauerhaft dort leben darf. Dann schaust du jeden Tag aufs Konto: Was ging weg, was kam rein? Nach anderthalb bis zwei Jahren war der Punkt erreicht, an dem die Projekte liefen, Rechnungen bezahlt wurden und ich nicht mehr morgens als Erstes in die Banking-App geschaut habe.
Paul: Was würdest du jemandem raten, der angestellt ist und mit dem Gedanken spielt, auszuwandern oder sich selbständig zu machen?
Ringo: Dein Job muss dir Spaß machen. Du kannst dich nicht selbständig machen, nur weil dich dein Angestelltenverhältnis nervt. Selbständigkeit ist kein 40-Stunden-Job. Das kann auch mal 60 oder 70 Stunden pro Woche sein. Wenn du morgens aufwachst und denkst: Darauf habe ich Bock, dann kann das funktionieren. Wenn du nur schnell wieder Freizeit haben willst, ist eine Anstellung wahrscheinlich sinnvoller.
Paul: Vermisst du am festen Job irgendwas?
Ringo: Nicht unbedingt das Angestelltenverhältnis, eher den praktischen Teil. Früher bin ich ins Rechenzentrum gefahren, habe Server, Firewalls und Netzwerke geplant und vor Ort gebaut. Heute plane ich viel, mache viel Software und sage Kollegen, was sie vor Ort tun sollen. Manchmal würde ich gern selbst dort stehen. Aber für mal eben nach Europa fliegen ist Australien dann doch ein bisschen weit weg.
Das bleibt aus Folge 40 hängen
Ringos Geschichte zeigt: Auswandern und Selbständigkeit klingen romantisch, bestehen im Alltag aber aus vielen sehr konkreten Fragen. Darf ich arbeiten? Wie lange reicht mein Geld? Wer vertraut mir, wenn mich im neuen Land niemand kennt? Welche Steuerregeln gelten? Gleichzeitig kann genau diese Kombination funktionieren, wenn das Netzwerk trägt, der Job wirklich Spaß macht und man Vorteile wie die Zeitzone bewusst nutzt. Für Ringo wurde Australien nicht nur ein neuer Wohnort, sondern auch ein Arbeitsmodell: morgens Systeme warten, während Deutschland schläft, und manchmal akzeptieren, dass gute Wellen eben gute Wellen sind.
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