Die ORGATEC schrumpft: Was gerade in der Büromöbelbranche passiert (Podcast Folge 50)

Weniger Hallen, bekannte deutsche Hersteller fehlen und der Branchenverband meldet ein Minus von acht Prozent: Paul und Henry nehmen diese Folge direkt auf der ORGATEC 2026 auf. Mit zwei Handys sitzen sie in einer Telefonbox mitten auf der Messe und sprechen darüber, wie sich die Büromöbelbranche verändert, warum viele Hersteller auf eigene Hausmessen setzen und welche Themen zwischen Nachhaltigkeit, Farbe, Automatisierung und KI wirklich hängen bleiben. Das Gespräch wurde für diesen Beitrag gekürzt und redaktionell bearbeitet.

17 Jahre ORGATEC: von der großen Branchenschau zur kompakten Messe

Paul: Henry, diesmal machen wir es wirklich anders. Wir sitzen live auf der ORGATEC, improvisieren mit zwei Handys und haben nicht viel Zeit. Ich bin seit 17 Jahren auf dieser Messe. Meine erste ORGATEC war deutlich größer, mit mehr deutschen Herstellern und viel mehr Zeit an den einzelnen Ständen.

Henry: Vor zwei Jahren war meine erste ORGATEC. Schon im Vergleich dazu wirkt diese Ausgabe kleiner. Wenn man straff durchgeht und sich auf die wichtigen Hersteller konzentriert, schafft man die Messe fast an einem Nachmittag und einem Vormittag.

Paul: Früher gehörte das Drumherum stark dazu. Man hat lange mit den Herstellern gesprochen, einen Kaffee oder ein Bier getrunken und ist abends noch gemeinsam essen gegangen. Die Messe war nicht nur Produktschau, sondern ein großer Treffpunkt für Fachhandel, Architekten und Hersteller. Außerdem kamen damals Dinge auf, die den Markt wirklich verändert haben, zum Beispiel elektrisch höhenverstellbare Schreibtische.

Henry: Heute ist immer noch viel zu sehen, aber die Atmosphäre und die Größe haben sich verändert. Man merkt, dass die Branche vorsichtiger geworden ist.

Warum deutsche Hersteller fehlen und asiatische Anbieter sichtbarer werden

Paul: Corona war ein deutlicher Einschnitt. Die ORGATEC wurde damals online versucht, aber das hat überhaupt nicht funktioniert. Gleichzeitig haben viele Hersteller gemerkt, wie teuer so ein Messeauftritt ist. Manche laden ihre Kunden heute lieber zur eigenen Hausmesse ein. Dort können sie Produkte und Werk zeigen und haben die Besucher ganz für sich.

Henry: Vor zwei Jahren standen viele asiatische Hersteller noch eher gesammelt in einem eigenen Bereich. Diesmal sind sie viel stärker zwischen den bekannten europäischen Marken vertreten. Dazu gibt es weiterhin eine Halle mit vielen asiatischen Anbietern, aber sie sind insgesamt sichtbarer und selbstverständlicher Teil der Messe.

Paul: Das ist nicht grundsätzlich schlecht. Diese Hersteller bringen ebenfalls Ideen und Produkte mit. Trotzdem entsteht ein stärkerer Verdrängungsmarkt. Gleichzeitig fehlen deutsche Namen, die für den Fachhandel lange feste Anlaufpunkte waren. Das ist schade, weil der große Vorteil einer Messe gerade darin liegt, alle an einem Ort zu treffen, neue Produkte zu sehen und offene Themen direkt zu klären.

Viele neue Produkte, aber kaum eine Idee vom Arbeitsplatz der Zukunft

Henry: Was nehmen wir denn für den Arbeitsplatz der Zukunft mit?

Paul: Wir wollen nicht alles schlechtreden, aber mir ist viel Ideenlosigkeit aufgefallen. Dort steht ein neuer Stuhl, hier eine neue Box, ein neues Sofa oder ein weiterer Drehstuhl. Mir fehlt die größere Vision: Wie sieht der Arbeitsplatz in fünf oder zehn Jahren aus? Wie reagieren die Hersteller auf neue Arbeitsweisen und auf KI? Dazu haben wir bisher wenig gesehen.

Henry: Die Boxen werden moderner, technisch besser und optisch vielfältiger. Am Ende bleiben es aber Boxen. Auch bei Bürostühlen gab es mit beweglichen 3D-Mechaniken eine echte Entwicklung. Solche klaren Sprünge erkennt man dieses Mal kaum.

Paul: Vielleicht steckt die Branche gerade mitten im Übergang. Die Technik verändert sich schnell, aber noch kann niemand sicher sagen, wie wir morgen arbeiten. Trotzdem hätte ich von einer Leitmesse mehr Entwürfe und mehr Mut erwartet.

Nachhaltigkeit, Farbe und Lounge prägen die Stände

Henry: Ein Thema ist auf fast jedem Stand sichtbar: Nachhaltigkeit. Hersteller zeigen, wie sie Reststoffe verwerten, Hallendächer nutzen und Produkte so bauen, dass sie sich wieder zerlegen lassen. Teilweise stehen eigene Fachleute am Stand, die genau erklären können, was in den Werken passiert.

Paul: Bei Bürostühlen wird es wichtiger, Materialien sauber voneinander trennen und wieder in den Kreislauf zurückführen zu können. Das hilft auch dem Kunden. Wenn Bezüge nicht mehr festgetackert sind, lassen sich verschlissene Teile leichter tauschen. Dann braucht es nicht sofort einen komplett neuen Stuhl.

Henry: Auffällig ist außerdem der Mut zur Farbe. Es geht längst nicht mehr nur um Schwarz, Weiß und Grau. Hersteller zeigen gedeckte und kräftige Töne, verschiedene Stoffe und viele Materialkombinationen. Für Architekten und Fachhändler ist das eine gute Inspirationsquelle.

Paul: Und überall stehen Sofas und Lounge-Möbel. Büro und Wohnwelt wachsen weiter zusammen. Der Arbeitsplatz soll wohnlicher und angenehmer werden, auch weil Homeoffice und klassisches Büro nicht mehr so klar voneinander getrennt sind.

Minus acht Prozent: Automatisierung und KI sollen Kosten senken

Paul: In Gesprächen mit Herstellern kommt ein Thema immer wieder: Automatisierung. Der Branchenverband meldet für dieses Jahr ein Minus von acht Prozent, hinter vorgehaltener Hand wird teilweise sogar über mehr gesprochen. Die Unternehmen suchen deshalb nach Wegen, ihre Kosten zu senken.

Henry: Automatisierung und KI werden damit nicht nur zu Zukunftsthemen für den Arbeitsplatz, sondern auch für die Produktion und die Abläufe der Hersteller selbst.

Paul: Genau. Die Branche steht zwischen Kostendruck, neuen Wettbewerbern und der Frage, wie Arbeit künftig organisiert wird. Wir könnten uns heute in so eine Box setzen, einen KI-Assistenten dazunehmen und gemeinsam Ideen entwickeln. Aber wie das Arbeiten in einigen Jahren wirklich aussieht, kann im Moment niemand überzeugend beantworten. Vielleicht ist genau diese Unsicherheit das ehrlichste Bild dieser ORGATEC.

Takeaway: Die ORGATEC 2026 zeigt eine Büromöbelbranche im Übergang. Die Messe wird kleiner, deutsche Hersteller ziehen sich teilweise zurück und internationale Anbieter werden sichtbarer. Nachhaltigkeit, austauschbare Materialien, Farbe und wohnliche Bürobereiche sind gesetzt. Was noch fehlt, ist eine klare Vision dafür, wie Automatisierung, KI und neue Arbeitsweisen den Arbeitsplatz wirklich verändern.


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