Bürogestaltung
Definition:
Bürogestaltung bezeichnet die ganzheitliche Planung und Einrichtung von Arbeitsräumen mit dem Ziel, eine produktive, gesunde und zur Unternehmenskultur passende Arbeitsumgebung zu schaffen. Sie verbindet Raumaufteilung, Möblierung, Ergonomie, Akustik, Beleuchtung, Raumklima und Dekoration zu einem abgestimmten Konzept. Anders als die reine Möblierung oder Dekoration denkt Bürogestaltung in Funktionen und Nutzerverhalten: Welche Tätigkeiten finden hier statt, wie viele Menschen arbeiten gleichzeitig, wie oft wechseln sie zwischen Fokusarbeit, Austausch und Telefonaten?
Der Begriff hat sich mit der Arbeitswelt verändert. In den 1950er Jahren dominierten das Zellenbüro und der repräsentative Chefbereich. 1958 stellte das Hamburger Quickborner Team die Idee der Bürolandschaft vor, die zum Vorläufer moderner Open-Space-Konzepte wurde. Seit den 2000er Jahren prägen Begriffe wie Activity-Based Working, Desksharing und Workplace Experience die Planung. Heute ist Bürogestaltung ein interdisziplinäres Feld zwischen Innenarchitektur, Arbeitswissenschaft, Facility Management und HR.
Die sechs Dimensionen im Detail:
Raum: Vor der Möblierung steht die Zonierung. Moderne Büros teilen Flächen in Bereiche für Fokusarbeit, spontane Kollaboration, formale Besprechungen, Pausen und Telefonate. Welche Zone wie groß sein muss, hängt vom Tätigkeitsprofil ab. Ein Softwareentwickler-Team braucht andere Flächenanteile als ein Vertriebsteam.
Möbel: Ergonomische Bürostühle nach DIN EN 1335, höhenverstellbare Schreibtische nach DIN EN 527 und ausreichender Stauraum bilden die Basis. Modular aufgebaute Möbelsysteme lassen sich später umbauen, wenn sich das Team verändert. Geiz an dieser Stelle rächt sich: Ein 200-Euro-Stuhl ist nach zwei Jahren hinüber, ein 600-Euro-Modell hält bei Vollzeitnutzung gut zehn Jahre.
Licht: Die ASR A3.4 und DIN EN 12464-1 schreiben am Bildschirmarbeitsplatz mindestens 500 Lux vor, in Zonen mit hohen Anforderungen (Zeichnen, Feinarbeit) mehr. Tageslicht hat Vorrang: Fensterarbeitsplätze sind nachweislich mit höherer Zufriedenheit und besserem Schlafrhythmus verbunden. Zusatzlicht durch Steh- und Pendelleuchten sorgt für gleichmäßige Ausleuchtung und setzt Akzente.
Akustik: Der häufigste Stressfaktor in Großraum- und Open-Space-Büros ist Lärm. Die DIN 18041 gibt Richtwerte für die Nachhallzeit in Arbeitsräumen. Gute Akustik braucht schallabsorbierende Decken, Wandelemente, Teppichböden, Raumtrenner und Rückzugsräume für Telefonate. Ohne akustische Planung verpufft jedes noch so schöne Möbelkonzept.
Klima: Die ArbStättV Anhang Nr. 3.5 fordert eine gesundheitlich zuträgliche Raumtemperatur. Die ASR A3.5 konkretisiert: in der Regel 20 bis 22 °C bei leichter sitzender Tätigkeit, maximal 26 °C im Sommer. Die relative Luftfeuchte sollte zwischen 40 und 60 Prozent liegen. CO2-Ampeln und kontrollierte Lüftung sind inzwischen auch in KMU gängige Investitionen.
Dekoration: Farbe, Pflanzen, Kunst und Accessoires sind der letzte Schritt. Ohne sie wirkt auch ein funktional perfektes Büro steril. Mehr dazu im Eintrag Bürodekoration.
Bürotypen: Zellenbüro, Open Space, Kombibüro, Activity-Based:
Welche Bürogestaltung zu einem Unternehmen passt, hängt weniger vom Geschmack als von den Arbeitsinhalten ab. Vier Grundtypen prägen die Praxis.
- Zellenbüro: Einzel- oder Zweierzimmer mit hohem Ruheniveau. Vorteil: maximale Fokussierung, klare Privatsphäre. Nachteil: wenig spontaner Austausch, höherer Flächenbedarf pro Person.
- Open Space: Große, offene Fläche mit vielen Arbeitsplätzen. Vorteil: kurze Kommunikationswege, flexible Nutzung. Nachteil: hohe Lärmbelastung ohne gute Akustikplanung, weniger Privatsphäre.
- Kombibüro: Einzelbüros an der Fassade, gemeinschaftliche Mittelzone. Seit den 1980er Jahren in skandinavischen Ländern verbreitet. Kombiniert Fokus und Austausch.
- Activity-Based Working: Keine festen Arbeitsplätze, stattdessen unterschiedliche Zonen je nach Tätigkeit (Fokus, Meeting, Kreativ, Sozial). Mitarbeitende wechseln mehrmals am Tag. Setzt gute Software fürs Desk-Booking voraus.
Digitalisierung und Tools:
Mit Hybrid Work ist die Bürogestaltung digital geworden. Desk-Booking-Tools wie Tribeloo, Skedda oder Microsoft Places steuern, welcher Schreibtisch wann frei ist. Raummanagement-Systeme zeigen Auslastung in Echtzeit und liefern Daten für die nächste Umgestaltung. Sensorik an Tischen misst tatsächliche Belegung, oft zeigt sich: Nur 40 bis 60 Prozent der Arbeitsplätze sind im Wochenschnitt besetzt. Diese Zahlen sind Grundlage für Flächenreduzierung und Desksharing-Konzepte. Eine saubere IT-Infrastruktur mit stabilem Netzwerk, Raum-Sensorik und Zugriffsmanagement ist die Voraussetzung dafür, dass diese Tools im Alltag funktionieren.
Praxis im KMU:
Ein häufiger Fehler bei kleineren Unternehmen: Umbau wird aus dem Bauch heraus entschieden, Möbel werden bei unterschiedlichen Anbietern zusammengekauft, Ergonomieberatung bleibt aus. Typische Folgen sind unpassende Tischhöhen, zu laute Besprechungsräume, schlecht genutzte Flächen. Gleichzeitig sind die Hebel im KMU besonders groß, weil Entscheidungen kurze Wege haben und Veränderungen direkt spürbar sind.
Pragmatisches Vorgehen: erst Analyse der tatsächlichen Arbeitsweise (Interviews, Beobachtung, Sensordaten), dann Konzept mit klaren Zonen, dann Möbelauswahl, zuletzt Akustik, Licht und Dekoration. Wer die Reihenfolge umkehrt und mit schönen Stühlen anfängt, korrigiert am Ende teurer nach.
Relevanz im Arbeitsalltag:
Bürogestaltung ist kein Luxusthema. Studien der Fraunhofer-IAO-Reihe „Office 21“ zeigen seit den 2000er Jahren, dass gut gestaltete Büros Produktivität, Gesundheit und Bindung messbar verbessern. Gleichzeitig verursacht schlechte Gestaltung Kosten, die in keiner Bilanz auftauchen: Kündigungen, Krankheitstage, ineffiziente Meetings, Fehlentscheidungen durch Überreizung. Eine fundierte Büroplanung denkt diese Aspekte gemeinsam und liefert nicht nur Möbel, sondern ein funktionierendes Arbeitssystem.
Synonyme:
- Büroplanung (im weiteren Sinne)
- Bürokonzept
- Office Design
- Workplace Design
- Arbeitsplatzgestaltung
Abgrenzung zu:
- Bürodekoration: beschränkt sich auf die visuell-atmosphärische Ebene (Farbe, Kunst, Accessoires). Bürogestaltung umfasst zusätzlich Raum, Möbel, Technik.
- Innenarchitektur: planerisch-baulicher Beruf mit Fokus auf Raumarchitektur. Bürogestaltung ist anwendungsbezogener und tätigkeitsorientiert.
- Facility Management: Betrieb und Instandhaltung bestehender Gebäude. Bürogestaltung ist der Entwurfs- und Umbauteil.
- Ergonomie: Teildisziplin der Bürogestaltung, konzentriert auf die Anpassung von Möbeln und Geräten an den Menschen.
Siehe auch:
- Büroplanung
- Bürodekoration
- Arbeitsplatz
- Ergonomie
- Arbeitsumgebung
- Akustische Möbel
- Beleuchtungslösungen
Literaturhinweise:
- Fraunhofer IAO: Office 21 Studienreihe. Stuttgart, seit 1998.
- Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA): Gestaltung von Büroarbeit. Dortmund, aktuelle Ausgabe.
- Quickborner Team: Bürolandschaft. Konzeptpapiere ab 1958.
- DIN EN 12464-1: Licht und Beleuchtung, Beleuchtung von Arbeitsstätten in Innenräumen.
- DIN 18041: Hörsamkeit in Räumen.
