Das Büro der Zukunft wird menschlicher: Vertrauen, KI und neue Arbeitswelten (Podcast Folge 47)

Wie sieht ein Büro im Jahr 2035 aus? Paul spricht mit Danny Hess, Architekt und Workplace-Stratege aus Dresden, über leere Büros am Freitag, die Rückkehrpflicht vieler Konzerne, Shared Desks und den Einfluss von KI auf unsere Arbeit. Danny ist überzeugt: Das Büro der Zukunft wird nicht vor allem technischer. Es muss menschlicher werden und einen klaren Grund liefern, warum Menschen überhaupt zusammenkommen. Das Gespräch wurde für diesen Beitrag gekürzt und redaktionell bearbeitet.

Anwesenheit ist noch keine Produktivität

Paul: Du beschäftigst dich schon seit dem Studium mit moderner Arbeit. Wie sah dein eigener erster Arbeitsplatz aus?

Danny: Das war ein klassisches Zweierbüro mit großem Tisch und Bildschirm. Entscheidend war nicht, was ich schaffte, sondern dass ich da war. Eigenverantwortung oder mobiles Arbeiten spielten praktisch keine Rolle. Genau diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass ich später anders arbeiten und andere Arbeitsorte gestalten möchte.

Paul: Heute berätst du Unternehmen bei der Umgestaltung ihrer Büros und oft auch ihrer Organisation. Wo beginnt so ein Projekt?

Danny: Nicht beim Möbelkatalog. Zuerst muss geklärt werden, welche Arbeit stattfindet, wie die Menschen zusammenarbeiten und was das Unternehmen erreichen will. Sonst wird nur eine alte Fläche neu eingerichtet, ohne dass sich die Arbeitsweise verbessert.

Eine schöne Lounge reicht nicht

Paul: Ich kenne eine Lounge, die auf Wunsch der Geschäftsführung gebaut wurde. Sie sah gut aus, aber niemand saß dort. Was läuft bei solchen Flächen schief?

Danny: Ein Raum braucht einen verständlichen Zweck. Soll dort informeller Austausch stattfinden, müssen die Menschen das wissen und erleben, dass dieser Austausch wirklich erwünscht ist. Ein beiläufiger Satz wie „Ihr trinkt ja schon wieder Kaffee“ reicht, um die ganze Idee zu zerstören.

Paul: Führungskräfte müssen die neue Arbeitsweise also selbst zeigen?

Danny: Ja. Besonders gut funktionierten Projekte, bei denen die Führung zuerst das Einzelbüro aufgab und bewusst bei anderen Teams arbeitete. So wird sichtbar, dass die Veränderung ernst gemeint ist. Gleichzeitig entstehen Gespräche zwischen Vertrieb, Produktion oder IT, die vorher kaum stattgefunden haben.

Rückkehr ins Büro braucht einen Grund

Paul: Viele große Unternehmen holen ihre Mitarbeitenden gerade zurück ins Büro. Ist das der richtige Weg?

Danny: Menschen wieder persönlich zusammenzubringen, kann sinnvoll sein. Aber wenn die einzige Antwort auf die Frage „Warum soll ich kommen?“ lautet „Weil du musst“, verliert man sie. Häufig stecken mangelndes Vertrauen oder Schwierigkeiten bei der Führung auf Distanz dahinter. Noch problematischer wird es, wenn die Leute in ein Büro zurückkehren sollen, in dem sie schlechter arbeiten können als zu Hause.

Paul: Konzerne haben oft modernere Flächen, Mittelständler dafür kürzere Wege.

Danny: Genau. Große Unternehmen können leichter Beratungs- und Umbauprojekte finanzieren. Im Mittelstand ist die Kultur dafür häufig näher und vertrauensvoller. Dort lassen sich Veränderungen besser gemeinsam mit der Belegschaft entwickeln, wenn die Geschäftsführung sie wirklich mitträgt.

100 Menschen brauchen nicht automatisch 100 Schreibtische

Paul: Braucht ein Unternehmen mit 100 Mitarbeitenden noch 100 feste Arbeitsplätze?

Danny: Diese Rechnung stammt aus einer Zeit, in der Arbeit fast vollständig am eigenen Schreibtisch stattfand. Heute zählt, wie viele Menschen tatsächlich gleichzeitig da sind und welche Aufgaben sie erledigen. Ein übergroßes Büro, in dem am Freitag nur 20 Prozent der Belegschaft sitzen, fühlt sich leer an und liefert keinen Grund für den Arbeitsweg.

Paul: Wie wird daraus eine belastbare Planung?

Danny: Man betrachtet Anwesenheitsdaten, Teams und Tätigkeiten. Danach plant man die richtige Mischung: Plätze für konzentrierte Einzelarbeit, Rückzugsräume für vertrauliche Gespräche und Videokonferenzen, Flächen für Workshops sowie Orte für informellen Austausch. Shared Desk bedeutet dabei nicht, dass persönliche Dinge verboten sind. Entscheidend sind klare Regeln und eine Gestaltung, an der die späteren Nutzer beteiligt werden.

Ein neues Sofa löst kein altes Arbeitsproblem

Paul: Was wünschen sich Mitarbeitende heute wirklich vom Büro?

Danny: Vor allem müssen sie dort gut arbeiten können. Eine Renovierung oder neue Möbel allein verändern den Wunsch nach Homeoffice kaum. Wenn Grundriss, Akustik und Ausstattung weiterhin für eine Arbeitsweise von vor 20 Jahren ausgelegt sind, hilft auch ein neuer Bodenbelag nicht.

Paul: Gleichzeitig ist auch das Homeoffice nicht automatisch gut. Ich habe Arbeitsplätze im Schlafzimmer oder mitten im Familienleben gesehen, die auf Dauer kaum funktionieren.

Danny: Deshalb braucht es kein starres Entweder-oder. Teams können Tage gezielt für persönliche Treffen und Austausch nutzen, während konzentrierte Aufgaben dort erledigt werden, wo die Bedingungen am besten sind. Vollständig digitale Unternehmen funktionieren ebenfalls, ziehen aber andere Menschen an und brauchen ihre eigene Form von Kultur.

KI macht Arbeit schneller – aber wofür nutzen wir die Zeit?

Paul: KI übernimmt heute schon Texte, Protokolle und Teile der Programmierung. Ich rede inzwischen oft mit meinen Assistenten, statt alles einzutippen. Wie verändert das unsere Büros?

Danny: Routinen werden verschwinden und der Output wird steigen. Technischer Fortschritt hat freie Zeit bisher allerdings meist wieder mit mehr Arbeit gefüllt. Deshalb ist die spannendere Frage nicht, wie wir noch schneller produzieren, sondern was wir mit der gewonnenen Zeit anfangen.

Paul: Mehr automatisch erzeugte Inhalte bedeuten noch keine bessere Zusammenarbeit.

Danny: Genau. Wenn eine KI 20 Seiten schreibt und die nächste KI sie wieder zusammenfassen muss, ist wenig gewonnen. Räume können künftig dabei helfen, gemeinsam zu verstehen, Entscheidungen zu treffen und bessere Arbeit zu leisten. Dann investieren wir die eingesparte Zeit in Qualität, Kommunikation und Zusammenarbeit statt nur in den nächsten Stapel Output.

Das Büro 2035 wird menschlicher

Paul: Du darfst 2035 ein Büro ohne Einschränkungen bauen. Wie sieht es aus?

Danny: Hoffentlich nicht technischer als heute, sondern menschlicher. Vielleicht kann man kaum noch unterscheiden, ob man in einem Büro, einem Innengarten oder einer Ausstellung steht. Es ist ein gesunder Ort, der Bewegung und Begegnung fördert. Technik verschwindet in Tischen, Wänden und Oberflächen, vielleicht sprechen wir einfach mit dem Raum. Das Büro wird zu einer Art Dorf: Menschen treffen sich, tauschen Ideen aus und arbeiten an einer gemeinsamen Sache.

Takeaway: Das Büro bleibt relevant, aber nicht als Sammlung fest zugeteilter Schreibtische. Gute Arbeitsorte entstehen aus echten Aufgaben, einer passenden Kultur und einem klaren Grund für das Zusammenkommen. KI kann Routine beschleunigen. Ob daraus mehr Druck oder bessere Zusammenarbeit entsteht, entscheiden Unternehmen selbst.

Mehr zu Danny Hess: danny-hess.com und LinkedIn.


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